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		<title>Das Buch als Magazin</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jan 2013 10:30:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Das Buch als Magazin]]></category>

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		<description><![CDATA[Gemeinsam mit meiner Kollegin Joanna Swistowski habe ich ein neues Magazin entwickelt. &#8220;Das Buch als Magazin&#8221; gibt es ab 5. Februar 2013 im Bahnhofs- und Flughafenkiosk und auf dasbuchalsmagazin.de. Viel Spaß beim Lesen!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gemeinsam mit meiner Kollegin <a href="http://trueteam.kammerl.de/joannaswistowski/" target="_blank">Joanna Swistowski</a> habe ich ein neues Magazin entwickelt. &#8220;Das Buch als Magazin&#8221; gibt es ab 5. Februar 2013 im Bahnhofs- und Flughafenkiosk und auf <a href="http://dasbuchalsmagazin.de" target="_blank">dasbuchalsmagazin.de</a>. Viel Spaß beim Lesen!</p>
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		<title>Entscheidung in Sicht</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 11:02:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf der Fraueninsel im Chiemsee liegt eine der bekanntesten Töpfereien Deutschlands. Sophia könnte sie von ihrem Vater übernehmen und so eine lange Tradition fortführen. Aber will sie das? (Fotos: Gerald von Foris.) Im Chiemsee liegt die Fraueninsel. Seit mehr als 1200 Jahren steht dort ein Benediktinerkloster, seit mehr als 400 Jahren gibt es dort die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Auf der Fraueninsel im Chiemsee liegt eine der bekanntesten Töpfereien  Deutschlands. Sophia könnte sie von ihrem Vater übernehmen und so eine  lange Tradition fortführen. Aber will sie das? (Fotos: Gerald von Foris.)</em></p>
<p><span id="more-165"></span>Im Chiemsee liegt die Fraueninsel. Seit mehr  als 1200 Jahren steht dort ein Benediktinerkloster, seit mehr als 400  Jahren gibt es dort die Töpferei Klampfleuthner, die vielleicht älteste  Töpferei in Süddeutschland. Ob es den kleinen Betrieb auch in Zukunft  noch geben wird, hängt von Sophia Klampfleuthner ab. Sie ist 18 Jahre  alt und hat im vergangenen Jahr ihr Abitur bestanden. Sophia sagt: „Ich  glaube, ich bekomme gerade eine andere Sicht auf die Dinge.“</p>
<div><img src="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ch/christian-helten/text/regular/888106.jpg" border="0" alt="" /></div>
<p>Der  Weg zu den Klampfleuthners funkelt. An diesem Sonntag im November meint  es der Herbst besonders gut mit dem Voralpenland, das flache  Sonnenlicht bricht sich auf den Chiemseewellen und blendet angenehm  sommerlich; viele Tagestouristen, die in Gstadt am Chiemsee aufs Schiff  drängen, tragen Sonnenbrillen. Sie blinzeln zur kleinen und nahen  Fraueninsel, sie deuten hinüber zur weit größeren Herreninsel, wo König  Ludwig II. ein Schloss nach dem Vorbild von Versailles bauen ließ. Nach  zehn Minuten Fahrt legt das Schiff im Osten der Fraueninsel an, und die  Menschen gehen entdeckungslustig im Gänsemarsch über den Steg und direkt  zum Kloster. Oder sie biegen nach rechts in den Uferweg, der einmal um  die Insel und schon nach wenigen Metern zur Inseltöpferei führt. Georg  Klampfleuthner hat das Schiff schon kommen sehen, er wartet zwischen  Vasen und Tassen und Vogeltränken und Kacheln und Engelskrügen und  Weidlingen auf die Besucher. Jetzt gerade ist es ruhiger, aber im Sommer  arbeiten er oder seine Schwester Andrea sieben Tage die Woche an der  Töpferdrehscheibe. Die Werkstatt steht im Laden, wer zu Besuch kommt,  kann zuschauen. Seit 403 Jahren existiert die Töpferei an diesem Platz,  und seit 289 Jahren ist ein Mensch mit dem Namen Klampfleuthner ihr  Chef. So viel Kontinuität ist selten, und darum geht es jetzt im ersten  Stock des Hauses, am Küchentisch. Georg und Isolde Klampfleuthner haben  nämlich zwei Töchter. Felicia ist 21, Sophia 18 Jahre alt. Wenn die  Töpferei auch in den nächsten 400 Jahren ein Familienbetrieb bleiben  soll, müsste eine der beiden übernehmen.</p>
<p>„400 Jahre sind eine  verdammt lange Zeit“, sagt Felicia und schaut aus dem Fenster auf den  Uferweg, wo die Sonnenbrillenträger vor­beispazieren und neugierig in  den Garten der Töpferei schauen. „Man denkt sich immer: Wenn man die  Generation ist, an der es scheitert, ist es auch scheiße.“ Felicia weiß  allerdings, dass sie den Betrieb nicht übernehmen wird. In der Schule  war Kunst ihr schlechtestes Fach, und jeder in der Familie berichtet von  ihrem Interesse an Naturwissenschaften. Sie studiert heute Biologie in  München. „Bei mir würde der Betrieb schnell den Bach runtergehen“, sagt  sie, und ihr Vater lächelt über diese entschiedene Bescheidenheit. Dann  sagt Felicia in Richtung Sophia: „Es tut mir eigentlich leid, weil  dadurch der Druck auf dir liegt.“ Der Vater schüttelt sofort den Kopf.  „Nicht wirklich, den Druck darf sie sich nicht machen.“<br />
Georg  Klampfleuthner, 48, stand vor der ähnlichen Situation. Sein Vater  schickte ihn einst aufs Gymnasium und gab ihm danach jede Freiheit, über  seine Zukunft selbst zu entscheiden. „Er hat gesagt, er möchte von mir  nie hören, er habe mich in die Töpferei gezwungen. Er hat mir vor der  Entscheidung nur einen freundschaftlichen Tipp gegeben: Entweder du  wirst Töpfer auf der Fraueninsel oder Bundeskanzler – alles andere ist  Schmarrn.“ Der junge Georg entschied sich für die Keramikerausbildung in  Landshut und dachte irgendwann: „Eigentlich ist es ganz nett.“ Als er  drei Jahre später nach Hause kam, hatten Vater und Mutter die alte  Werkstatt abgerissen und eine neue gebaut. Der Vater war zu jener Zeit  sechzig Jahre alt, und Georg Klampfleuthner dachte: Den kann ich jetzt  auch nicht allein lassen. „Und so bin ich pappen geblieben“, sagt er.</p>
<p>Im  ganzen Land gibt es handwerkliche Betriebe, Geschäfte, Bauernhöfe,  kleine Gewerbe, die von einer fleißigen Generation aufgebaut oder  bewahrt wurden. Diese Generation wird älter und fragt dann vorsichtig  bei den Kindern: Habt ihr Lust? Und das ist dann die Frage: Hat man  Lust, das fortzuentwickeln, was die Eltern aufgebaut haben? Hat man  Lust, sein Leben mit einem Ort zu verknüpfen? Wie wichtig ist noch mal  Tradition?</p>
<p>Sophia ist an diesem Novembersonntag nur zu Besuch auf  der Insel. Sie studiert jetzt in Regensburg Kulturwissenschaft,  Kunstgeschichte, Philosophie, drei Wochen ist das erste Semester gerade  alt. „Im Moment habe ich den Plan, mein Studium zu machen, dann eine  Ausbildung zur Keramikerin. Dann will ich heimkommen, arbeiten, meinen  Meister machen und den Betrieb übernehmen.“ So sagt sie es, und so hat  sie es am Tag vorher auch ihrer Tante Andrea und ihrer Großmutter  Annemarie erklärt. Die beiden waren erstaunt. „Sie haben mich nur  angeschaut, und die Oma hat gesagt: Das ist jetzt ein Spaß, oder?“ Dazu  muss man wissen, dass die Großmutter nichts lieber sähe als eine Sophia  als Inseltöpferin. „Wenn ich als Kind zu ihr rübergegangen bin und ihr  gezeigt habe, was ich in der Schule gemalt hatte, dann hat sie gesagt:  Mei, unsere Künstlerin. Du übernimmst mal die Töpferei.“ Die Großmutter  drängt nicht, sagt Sophia. „Sie würde nie offen sagen: Mach! Weil sie  weiß, dass ich dann trotzig reagieren würde.“ Aber die Großmutter kann  ihre Freude nicht verbergen, wenn sie die Ahnung davon bekommt, dass es  weitergehen könnte. Sie hofft still. „Manchmal“, sagt Sophia, „habe ich  ein schlechtes Gewissen, dass ich zum Studieren gegangen bin.“</p>
<p>Das  mit der Tradition ist so eine Sache. Soll man wirklich sein Leben  danach richten, was war, als man noch nicht auf der Welt war? Hartmut  Drexel von der Handwerkskammer München und Oberbayern sagt: „Einen  Betrieb zu übernehmen, nur weil eine Tradition da ist, reicht nicht als  Antrieb. Tradition ist kein rationales Argument.“ Drexel rät dazu, nur  dann einen Betrieb zu übernehmen, wenn man sich voll damit  identifizieren könne. Bei der Industrie- und Handelskammer in München  kümmert sich Markus Neuner um Nachfolgefragen. Er sieht, wie auch  Hartmut Drexel, immer mehr selbstbewusste potenzielle Nachfolger, die  kühl abwägen und nur dann in einen Betrieb einsteigen, wenn er von den  Eltern so geführt wurde, dass er eine in­ter­essante Perspektive bietet.  „Der Trend geht hin zu intelligenter Arbeit“, sagt Neuner. Je kreativer  oder anspruchsvoller die Arbeit ist, so Neuner, desto leichter findet  ein Betrieb einen Nachfolger. Die größten Probleme haben Einzelhändler.  Neuner weiß von Trach­tenmodengeschäften und Küchenstudios, die auch  nach langer Suche keinen Nachfolger finden, weil der reine Verkaufsjob  nur sehr wenige reizt.</p>
<p>Ein paar Wochen und Monate vergehen,  Sophia erlebt ihr erstes Semester. An den Wochenenden pendelt sie zu  ihrem Freund nach Dresden oder auf die Insel. An zwei Adventswochenenden  ist Weihnachtsmarkt. Mehr als 50 000 Menschen setzen mit dem Schiff zur  Fraueninsel über, die Idee vom besinnlichen Advent passt gut zur  Abgeschiedenheit einer Insel.</p>
<div><img src="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ch/christian-helten/text/regular/888108.jpg" border="0" alt="" /></div>
<p>„Die  Insel ist nichts anderes als ein Dorf“, sagt Georg Klampfleuthner.  Dieses Dorf war einmal eine Welt für sich, mit Kindergarten, Gymnasium,  Hallenbad, Friseur, Doktor, Bäcker und so weiter, Klampfleuthner kann  viele verlorene Einrichtungen aufzählen, die einmal das Gerüst eines  echten Dorflebens waren. Sie sind verschwunden. „Die soziale Struktur  auf der Insel ändert sich massiv“, sagt Klampfleuthner. Jeder kommt nun  mit seinem eigenen Boot auf die Insel, jeder muss am Festland einkaufen.  Während Georg Klampfleuthner noch mit zehn Freunden über die Insel  tigerte, hatte Sophia ihre Freundinnen auf dem Festland. Es gab Phasen,  in denen sie das Inselleben auch richtig leid war. „Ich wollte, wie  meine Freundinnen, auf dem Festland wohnen und habe meine Eltern  gefragt, ob wir nicht wenigstens im Winter rüberziehen können.“ Der  Vater lächelt noch heute über den Wunsch. Und es kamen ja andere Zeiten,  in denen Sophia den Stolz auf ihre Herkunft entdeckte, als Bekannte  beim Ausgehen anerkennend die Augenbrauen hoben und „Ah, die  Klampfleuthnerin“ sagten.</p>
<p>Die „Inseltöpferei“ ist in der Region  eine Art eingetragener Begriff. Und auch darüber hinaus. Als Sophia in  Regensburg in der ersten Kunstgeschichtevorlesung sitzt, prüft die  Professorin die Anwesenheit. Bei Sophias Nachnamen stutzt sie  — und  erzählt schließlich, dass eine Lampe aus der Inseltöpferei bei ihr zu  Hause stehe.</p>
<p>Vielleicht ist es deshalb auch ganz normal, wenn  Sophia und Felicia immer wieder die Frage hören: „Machst du weiter?“  Vielleicht ist es verständlich, wenn die Großmutter bei einem Telefonat  im Februar erzählt, wie sie erst selbst verstehen musste, dass man  Kindern und Enkelkindern nicht einfach die Begeisterung implantieren  kann, die man selbst für eine Sache hegt, also für die Töpferei. „Man  muss die Kinder das lernen lassen, was sie lernen wollen“, sagt die  Großmutter. „Sophia wollte raus. Sie ist glücklich in Regensburg.“ Dann  wird Annemarie Klampfleuthner einen Moment lang still und stockt. Die  Diskussion gehe ihr immer wieder nahe. „Ich habe da oft Tränen in den  Augen und muss mich zusammenreißen.“</p>
<p>Sie ist von draußen ans  Telefon geeilt. Der See ist bei arger Kälte zugefroren, und Georg  versucht gerade, das Boot aus dem Eis zu hacken. Annemarie  Klampfleuthner hat versucht, mit einem Eimer heißen Wassers zu  assistieren. Sie hat mit 18 Jahren auf die Insel geheiratet. Damals  erfuhr sie die lange Geschichte der Familie. Dass der erste  Klampfleuthner aus der Steiermark kam, ein Ofensetzer, und sich auf  Bitten der Äbtissin des Klosters auf der Insel niederließ. Damals begann  die Ahnenreihe. Die Großmutter erzählt von Menschen, die zuletzt vor  fünfzig Jahren auf der Insel waren und wiederkommen und voll Bewunderung  sehen, dass der Betrieb immer noch in Familienhand ist. Der Mensch  freut sich an Dingen im Leben, die konstant bleiben. Der Mensch freut  sich an Zusammenhängen, die in die Vergangenheit reichen, weil der  Mensch überhaupt so gestrickt ist, dass er dort einen Sinn im Leben  erkennt, wo Verbindungen existieren. „Wenn jemand weitermacht, das ist  doch was Schönes. Es ist ein großes Glück, wenn man das erleben darf“,  sagt Großmutter Annemarie. Und schließlich: „Es wäre schön, erleben zu  dürfen, dass Sophia weitermacht.“</p>
<p>„Das erste Semester war gut“,  sagt Sophia Ende Januar in Regensburg, kurz vor der Prüfungszeit. Sie  hat anhand der drei Berufsgruppen Klosterschwester, Fischer und Töpfer  den sozialen Wandel auf der Fraueninsel beschrieben und dafür eine 1,3  bekommen. Sie hat Freundinnen gefunden, eine hat sie sogar schon auf der  Insel besucht und ihre Heimat bewundert. An der Wand im Flur der  Zweier-WG hängt eine Übersicht zu den Epochen der Kunstgeschichte.  Langsam nimmt der Druck zu, die ersten Prüfungen stehen an, und es hat  sich etwas verändert. Der Umzug hat Sophias Sicht auf das Leben  verändert. Der Plan mit dem Studium und der Keramikerausbildung steht  noch, sagt sie. „Aber es ist ja auch nur ein Plan. Ich glaube, es kommt  noch was dazwischen.“ Das Fernweh. Sie hat direkt nach der Schule  angefangen zu studieren. Gerade erlebt sie, wie Freunde aus der  Oberstufe zurückkehren — aus Südafrika, aus Vietnam. „Ich würde total  gern ins Ausland gehen“, sagt Sophia jetzt. Sie spricht von ein paar  Monaten, vielleicht von einem Jahr, nach dem Bachelorabschluss. „Ich  habe richtig Lust rauszukommen“, sagt sie und formuliert den Plan aus  dem November neu: „Erst Studium, dann Ausland ­— und dann mache ich  eventuell eine Ausbildung zur Keramikerin und übernehme den Betrieb  meiner Familie.“ Das Wörtchen „eventuell“ hat sich hinzugemogelt. Das  muss aber nichts heißen. Vielleicht verschwindet es ja wieder. Sophias  Vater zumindest ist auf alles vorbereitet. „Tradition ist schon gut und  wichtig“, sagte Georg Klampfleuthner im November am Küchentisch. „Aber  sie darf einen Menschen nicht knechten. Die Priorität für einen  Insulaner und auch für den Nachfahren in einem 400-jährigen Unternehmen  ist es, ein Leben zu führen, von dem er mit achtzig Jahren sagen kann:  Es war ein gutes Leben.“ Das ist möglicherweise ein Satz, der nicht nur  im Chiemsee gilt.</p>
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		<title>Die Supermenschen</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Oct 2011 11:07:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Irgendwann ist es gut: Warum es sehr dumm sein kann, seinen Lebenslauf zu überfrachten. Neulich hat der amerikanische Verleger James Atlas Post bekommen. Nix großes, nur eine Broschüre, in der die Auserwählten eines Stipendiums vorgestellt wurden, mit dem man im Ausland studieren kann. Atlas, der selbst einst ein tolles Auslandsstipendium ergattert hatte, schaute sich die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Irgendwann ist es gut: Warum es sehr dumm sein kann, seinen Lebenslauf zu überfrachten. </em><span id="more-170"></span>Neulich hat der amerikanische Verleger James  Atlas Post bekommen. Nix großes, nur eine Broschüre, in der die  Auserwählten eines Stipendiums vorgestellt wurden, mit dem man im  Ausland studieren kann. Atlas, der selbst einst ein tolles  Auslandsstipendium ergattert hatte, schaute sich die Lebensläufe der  Leute genau an und wunderte sich dann. Die Stipendiaten hatten offenbar  schon ein ziemlich reichhaltiges Leben hinter sich: Ausweislich der  Vorstellung spielen sie Instrumente, haben in einem fernen Land eine  Schule oder ein Krankenhaus mit aufgebaut, haben mehrere  Hochschulabschlüsse vorzuweisen, haben allerlei eher aufwändige Hobbys  wie Mountain Biking und Kayakfahren und sind, das ist das  verblüffendste: trotzdem wahnsinnig jung. James Atlas trieb um, was er  da in der Post gefunden hatte, und er schrieb schließlich einen Text für  die New York Times, der die Überschrift &#8216;Super People&#8217; trug. Die  Supermenschen.</p>
<p>Wenn man in den vergangenen Jahren in Deutschland die Zeitungen gelesen  hat, fühlt man sich gleich an den Begriff von der &#8216;Generation  Lebenslauf&#8217; erinnert. Die ist im Grunde mit der Hochschulreform  entstanden. Mit dem Bachelorstudium wurden die Stundenpläne an den  Hochschulen enger getaktet und das Studium definierte sich plötzlich  durch harte Arbeit und nicht mehr durch gepflegtes Schlendern. Die  Schüler gingen zwar an die Hochschule, studierten aber im Schulmodus.  Fleißig, pflichterfüllend. Und immer mehr begannen, sich die Dinge  &#8216;drauf zu schaffen&#8217;, die angeblich unbedingt von Arbeitgebern gefordert  werden: Auslandserfahrung, Berufserfahrung, Fremdsprachen, den Schein  eines interessanten Lebens.</p>
<p>Im Lauf des vergangenen Jahrzehnts  merkten die Hochschulen, dass es so nicht geht. Man schickt Idioten in  die Welt, wenn man auch ein Studium komplett verschult. Deshalb wird nun  an vielen Orten wieder Dampf aus dem Kessel gelassen. Bachelorprogramme  werden von sechs auf sieben oder acht Semester verlängert. Was aber  noch da ist und wohl noch eine Weile bleiben wird, ist das Prinzip  Leistung, das in den vergangenen Jahren die Hochschulen erobert hat:  Auch in Deutschland gibt es immer mehr Supermenschen.</p>
<p>Ein  bisschen muss man aber differenzieren. Die Situation in Amerika und  Deutschland ist nicht ganz die Gleiche. Der Wirtschaft geht es immer  schlechter. Die Proteste der &#8216;Occupy Wallstreet&#8217;-Bewegung werden zu  einem beträchtlichen Teil von Studenten getragen, die trotz guter  Ausbildung ihre Studienkredite nicht abzahlen können. Weil sie keinen  Job bekommen. Deshalb ist es in den USA vermeintlich noch wichtiger,  hervorragende Noten zu bekommen und überhaupt ein Supermensch zu sein.  Sonst hat man, denken die meisten, keine Chance auf einen Job. Aber  nicht jeder kann ja ein Supermensch werden. Vor allem die Kinder reicher  Eltern gehören laut James Atlas zur Supergruppe. Sie werden schon als  Kind gefördert und bis in die Studientage hinein von den Eltern betreut.  Die Mütter und Väter haben Angst, ihr Kind könne einmal ohne eine  ordentliche Zukunft dastehen.</p>
<p>Gerhard Teufel hat die Zeilen von  James Atlas mit Interesse gelesen. Teufel ist der Generalsekretär der  Studienstiftung des Deutschen Volkes und hat schon beruflich viel mit  Supermenschen zu tun. Von der Studienstiftung werden die Besten eines  Abiturjahrgangs im Studium gefördert. Die Stiftung bietet aber auch eine  Reihe von tollen Auslandsstipendien für die Zeit nach einem Studium an.  Sind die Besten denn auch in Deutschland noch besser als früher?</p>
<p>&#8216;Die werden nicht in dem Sinne besser, dass Begabung und Persönlichkeit  besser werden&#8217;, sagt Teufel. &#8216;Aber sie haben tatsächlich mehr  Erfahrungen. Die Auslandserfahrung der Studenten hat sich dramatisch  verändert. Ich selbst war während meines Studiums nur einmal im Ausland,  in Frankreich. Diese neue Generation geht aber nicht nur einmal ins  Ausland &#8211; sie hat sich von Australien bis Südamerika den Globus Untertan  gemacht.&#8217; Immer häufiger liest Teufel in den Bewerbungsschreiben, dass  deutsche Schüler ihr Studium im Ausland beginnen und viele an den  prominenten Hochschulen in Paris, St. Gallen, Oxford oder Cambridge.  Außerdem habe das Engagement bei Stiftungen oder  Nichtregierungsorganisationen zugenommen. &#8216;Was früher im Lebenslauf die  Feuerwehr oder die Blasmusik war, könnte heute das Engagement bei Robin  Wood oder Greenpeace sein&#8217;, so Teufel. Jedes Engagement soll dringend  Sinn ergeben. Die Gründe für die immer dichter bepackten Biografien  sieht Teufel in der Studienreform und auch, wie in Amerika, bei  beflissenen Eltern. &#8216;Die haben die Erfahrung gemacht, dass Bildung ein  wichtiger Faktor für das Berufsleben ist.&#8217; Diese Eltern wollen ihren  Kindern einen weiteren Horizont bieten, als sie ihn selbst hatten &#8211; vor  allem jene, glaubt Teufel, die es sich leisten können. Denn so toll es  ist, wenn jemand in einem Entwicklungsprojekt hilft: Es muss auch jemand  das Flugticket und die Unterkunft bezahlen. Viele Supermenschen kommen  deshalb aus gut situierten Haushalten.</p>
<p>Gibt es eigentlich ein  Limit? Gibt es so etwas wie den idealen Lebenslauf, das perfekt  arrangierte Leben? Kann es denn sein, dass es immer so weiter geht? Mehr  Ausland, mehr Sprachen, mehr Super?</p>
<p>Gerhard Teufel versucht  sich in einer Entspannungsübung und relativiert den Wert des  Auslandsaufenthalts ein bisschen. &#8216;Es wäre ein Schnellschuss, zu sagen:  Wer die Welt global erforscht hat, ist in seiner Persönlichkeit  gewachsen.&#8217; Der Mann von der Studienstiftung glaubt, dass das Engagement  im Sportverein oder die Arbeit auf einem Bauernhof ähnlich viel zu  einer reiferen Persönlichkeit beitrage. Und Teufel sieht auch ein  natürliches Limit für vollgepackte Lebensläufe. &#8216;Das Limit ist dann  erreicht, wenn die Leute das, was sie gemacht haben, nicht mehr  ausfüllen können.&#8217; In den Bewerbungsgesprächen spürt Teufel immer  wieder, wenn Studenten einen Auslandsaufenthalt nicht verarbeitet haben.  Wenn sie ihn noch nicht reflektiert und in ihr Leben einsortiert haben,  weil sich alles so schnell weiterdreht. Als er einmal einen Bewerber um  ein Stipendium fragte, warum das Praktikum gerade bei dem Anwalt in  Venedig gemacht habe, antwortete der: Ein Kollege seines Vaters arbeite  auch dort. Der Vater habe deshalb geraten dort mal hinzugehen.</p>
<p>Gerhard Teufel hält nichts von unselbständiger Lebensgestaltung und  schon gar nicht von Auslandsaufenthalten um der Aufenthalte willen. &#8216;Die  Leute sind zu beneiden, weil sie mehr Möglichkeiten haben, die sie im  Leben nutzen können. Es besteht aber die Gefahr, sich dabei zu  verzetteln.&#8217; Er schreckt mittlerweile vor designten Lebensläufen zurück,  in denen Signalwörter wie &#8216;Harvard&#8217; auftauchen. Er freut sich über  &#8216;wahrhaft echte Lebensläufe&#8217; von Menschen, die nicht aus akademischen  Elternhäusern stammen, die echte Barrieren überspringen müssen. Teufel  erinnert sich an einen Bewerber aus Rosenheim. Er schrieb, dass er auf  dem heimischen Bauernhof Kühe melken müsse &#8211; und sich deshalb nicht bei  Amnesty International engagieren könne.</p>
<p>Auch wenn der  Generalsekretär von begabten und strebsamen Menschen umgeben ist: Er  glaubt immer noch, dass die Studienjahre keine Hatz sein dürfen. Es  müsse Zeit zum Nachdenken bleiben. &#8216;Ein tolles Studium&#8217;, sagt er, &#8216;muss  aus Studieren und Flanieren bestehen.&#8217; Da ist er sich mit James Atlas  einig, der am Ende seines Textes den Dichter Walt Whitman mit den Worten  &#8216;I loaf and invite my soul&#8217; zitiert. Ein Satz, der andeutet, dass sich  erst beim Schlendern, beim Umherstreifen in der Welt die Seele wirklich  den Dingen öffnet. Diese Wünsche der Herren könnten sich für viele  Superstudenten ein bisschen wohlfeil anhören. Aber aufschreiben kann man  sie sich ja mal.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Der einsame Surfer</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Aug 2011 10:44:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das nächtliche München hat sich verändert. Man sieht das beim beiläufigen Blick von draußen ins Leben der anderen. (Süddeutsche Zeitung) Am interessantesten ist der Mensch am Abend zu Hause. Was isst er, nachdem er den Tagesschweiß in den Wäschekorb gesteckt und Mama angerufen hat? Was macht er, wenn er nur er selbst ist oder sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Das nächtliche München hat sich verändert. Man sieht das beim beiläufigen Blick von draußen ins Leben der anderen. (Süddeutsche Zeitung)</em> <span id="more-148"></span>Am interessantesten ist der Mensch am Abend zu Hause. Was isst er, nachdem er den Tagesschweiß in den Wäschekorb gesteckt und Mama angerufen hat? Was macht er, wenn er nur er selbst ist oder sich in der Umgebung der Lieblingsmenschen befindet, die ihn auch mit strähnigen Haaren kennen? Wie füllt er die Zeit, die sein eigentliches Leben ist?</p>
<p>Man könnte aus diesen Fragen eine Geschäftsidee machen und Führungen für Touristen anbieten, die zum Beispiel München und seine Bewohner wirklich kennenlernen wollen. Jeden Abend um 19 Uhr träfe man sich und unternähme eine Wanderung durch die Wohnungen der Stadt. Im Laufe einer dreistündigen Tour könnte man an sechs oder sieben Türen klopfen und in die Küchen und die Wohnzimmer der privaten Menschen schauen. Man könnte mit ihnen plaudern. Über den abgelaufenen Tag, über die Sehnsüchte im Leben, die ja immer dann groß werden, wenn die Sonne untergeht. Die jeweiligen Gastgeber müssten sich freilich vorher beim Tourenanbieter registrieren lassen und sich einverstanden erklären, dass man sie zu einer zufällig gewählten Zeit an einem werktäglichen Abend gegen ein kleines Honorar stört. Es sollte schließlich so wenig wie möglich inszeniert sein, wenn man nachvollziehen will, was zum Beispiel in den Wohnungen der Menschen in Haidhausen nach Einbruch der Dunkelheit geschieht.</p>
<p>Aber solche Touren gibt es nicht, was kein Schaden ist, man will ja in einer Stadt und nicht in einem Zoo leben. Trotzdem hat die Stadt, ob sie es will oder nicht, im Vergleich zum Dorf einen Voyeurismus-Vorsprung. Man schaut im Vorbeigehen oder beim sinnfreien Blick aus dem eigenen Heim in die Wohnung gegenüber zwangsläufig und absichtslos ins Leben der anderen. Vor allem abends werden die fremden Wohnzimmer oder Küchen zu kleinen, ausgeleuchteten Bühnen, deren Szenen in die Nacht strahlen. Und diese Szenen haben sich ziemlich verändert.</p>
<p><em><a href="http://www.wagnerpeter.com/wp-content/uploads/2011/08/fenster4.jpg"><img class="size-medium wp-image-150 aligncenter" title="fenster4" src="http://www.wagnerpeter.com/wp-content/uploads/2011/08/fenster4-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a></em></p>
<p>Noch vor ein paar Jahren schienen wahlweise der Fernseher oder der Küchentisch das Zentrum der Wohnungen zu sein. Entweder haben die Menschen in der Küche gegessen und geplaudert oder im Wohnzimmer ferngesehen. Dieses Setting hat, so scheint es, seine Bedeutung verloren. Jetzt steht ganz häufig im Wohnzimmer oder in der Küche ein Laptop auf dem Tisch. Es steht da wie ein Ersatzkaminfeuer, das den einsamen Surfer mit der Farbe der jeweiligen Webseiten beleuchtet. Natürlich wissen wir, dass das Gerät der Kontakt zu Tausenden anderen einsamen Surfern ist, wir benutzen es ja selbst. Aber erst beim Blick in die fremden Wohnungen stellt man fest, wie es aussieht. So fahl. So einsam, dass man sich wünscht, gleich möge jemand beim Surfer an der Tür klingeln und zumindest fragen, was er denn da macht. Was er isst. Wie er seinen Abend verbringt.</p>
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		<title>Gedenkbook</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 07:50:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Nina an Krebs erkrankt, machen ihr die Facebookfreunde Mut. Selbst nach ihrem Tod schreiben sie weiter auf ihre Pinnwand. (Erschienen im jetzt-Magazin mit dem Schwerpunkt &#8220;Digitales Leben&#8221;. Das Heft lag am 8. August 2011 der Süddeutschen Zeitung bei. Hier kann man es online durchblättern.) Nina Manthey ist auf Facebook mit 576 Menschen befreundet. Die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Nina an Krebs erkrankt, machen ihr die Facebookfreunde Mut. Selbst  nach ihrem Tod schreiben sie weiter auf ihre Pinnwand.<em> (Erschienen im jetzt-Magazin mit dem Schwerpunkt &#8220;Digitales Leben&#8221;. Das Heft lag am 8. August 2011 der Süddeutschen Zeitung bei. <a href="http://jetzt.sueddeutsche.de/digital">Hier</a> kann man es online durchblättern.) <span id="more-146"></span></em></p>
<p>Nina Manthey ist auf Facebook mit 576 Menschen  befreundet. Die Zahl wird sich nicht mehr ändern, Nina ist am 2. März  dieses Jahres im Alter von 27 Jahren gestorben. Sie hatte Krebs, und sie  hat gekämpft, aber es half nichts. Sie selbst ist jetzt woanders, aber  ihr Profil bei Facebook gibt es noch. Freunde schauen dort vorbei und  schreiben nachdenkliche Zeilen. Sie erinnern sich ihrer. Ninas Profil  ist vielleicht ein Beweis dafür, dass das Internet ein bisschen mehr  kann, als wir manchmal denken.</p>
<p>Im August vergangenen Jahres spürt  Nina Schmerzen in der Zunge. Sie hat gerade ihr Grafikdesign-Studium an  der Miami Ad School in Hamburg hinter sich und arbeitet im ersten Job.  Ninas Vater erinnert sich, dass seine Tochter ein Jahr lang mit einer  Entzündung haderte: Eines Nachts hatte sie sich im Schlaf in die Zunge  gebissen, und die Verletzung war nie so recht verheilt. An der Schule  war viel zu tun, die zweijährige Ausbildung gilt als lehrreich, aber  anstrengend, Nina ließ sich nicht behandeln. „Sie hat mich zum Vorbild  genommen&#8221;, sagt Manfred Manthey. „Ich arbeite schon mein Leben lang  selbstständig und bin es gewohnt, 14 Stunden am Tag zu arbeiten.&#8221; Als es  nicht mehr anders geht, begibt sich Nina in die Klinik. Die Ärzte raten  ihr zu einer Gewebeprobe. Sie reist zu ihrem Vater nach Frankfurt und  geht in die dortige Universitätsklinik. „Bösartig&#8221;, sagt der Vater, als  er die Diagnose zitiert. Der Zungenkrebs, meint er, könnte theoretisch  mit der aufgebissenen Zunge zu tun gehabt haben. Aber Krebs ist kaum  kalkulierbar, genau weiß das niemand.</p>
<p>Manfred Manthey ist 60  Jahre alt. Er klingt sortiert, als er in seinem Büro in Frankfurt am  Main ins Telefon spricht und die Chronik seit der Diagnose durchgeht.  Manthey ist Elektroingenieur und produziert Anzeigesysteme, das sind die  Anlagen mit den Digital­ziffern, die zum Beispiel vor Banken Temperatur  und Uhrzeit angeben. Er hat seine Tochter beneidet. „Sie hatte das  Glück, ihren Traumberuf ergreifen zu dürfen&#8221;, sagt er. Sie hat als Kind  gemalt und gebastelt, sie hat ein paar Jahre eine Werbeschule besucht,  bevor sie auf die Ad School wechselte. Alle drei Monate beginnen in  Hamburg neue Klassen. Nina gehörte zu einem Jahrgang mit nur drei  anderen Mädchen. „Sie hat polarisiert&#8221;, erinnert sich Sophia Halamoda,  24, eine Klassenkameradin. „Sie sah wie eine Prinzessin aus: Die Haare  waren blond gefärbt, und sie war immer stark geschminkt. Viele haben sie  deswegen als naiv abgestempelt. Sie war aber eine konsequente Frau, die  ihr Ding durchgezogen hat. Sie war stolz und stark.&#8221;</p>
<div><img src="http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/me/mercedes-lauenstein/text/regular/854725.jpg" border="0" alt="" /></div>
<p>Nach  der Schule wird Sophias Kontakt zu ihrer Klassenkameradin eine Zeit  lang flüchtiger. Als sie auf Facebook liest, dass Freunde an Ninas  Pinnwand nach ihrer Gesundheit fragen, schreibt Sophia eine  Skype-Nachricht. Sie erfährt die Geschichte vom Krebs, die nach Ninas  Willen eigentlich geheim bleiben sollte. Aber Ninas Freundeskreis ist zu  groß. Die Schule, deren Filialen es auf der ganzen Welt gibt, hat daran  Anteil. Immer wieder kommen Schüler aus anderen Städten nach Hamburg,  oder die Hamburger Schüler gehen ins Ausland. Nina war je ein  Vierteljahr in Stockholm, New York und Berlin. So entsteht eine  Gemeinschaft, in der man sich wundert, wenn jemand, der jede freie  Minute online ist, plötzlich still wird. So wird der Krebs öffentlich.</p>
<p>Eine  Woche nach der Diagnose schneiden die Ärzte ein Stück von Ninas Zunge  weg. („Ich hatte Angst, dass es danach mit dem Sprechen nicht mehr  klappt&#8221;, sagt der Vater. „Nina hat sehr gern und viel geredet. Aber es  ging gut.&#8221;) Die Ärzte entnehmen außerdem Gewebe aus den Lymphknoten und  entdecken, dass der Krebs streut. Sie operieren ein zweites Mal und sind  optimistisch, auch wenn Nina zehn Tage nicht reden kann. Sie schreibt  Nachrichten auf einen Block. „Bitte Handy und Laptop mitbringen&#8221;,  notiert sie ihrem Vater. Sie zeichnet ein Bild von Gevatter Tod mit  seinem Handwerkszeug, der Sense. Sie zeigt ihm den Mittelfinger. Das  Foto dieser Geste stellt sie auf Facebook.</p>
<p>„Wenn ich abends um  neun Uhr aus dem Krankenzimmer gegangen bin, hat sie mir mit der linken  Hand gewinkt und mit der rechten Hand nach dem Laptop gegriffen&#8221;,  erinnert sich Manfred Manthey. „Das hat ihr sehr viel Kraft gegeben,  weil sie gesehen hat, dass sie nicht allein ist.&#8221;</p>
<p>Eine Mail oder  Onlinekommunikation ganz generell macht niemanden gesund. Der  Psychoonkologe Thomas Schopperth hat seit 25 Jahren mit Krebspatienten  zu tun. Er erlebt, dass vor allem dann, wenn die Krankheit schlimmer  wird, die richtig engen Freunde und die Familie bedeutend werden. Sie  vermitteln allein mit ihrer Gegenwart „ein Getragensein&#8221;, das nur  schwierig zu ersetzen sei. Die Facebookbotschaften haben einen anderen  Sinn, sagt Schopperth. Das Schreiben könne dazu beitragen, sich eigener  Gefühle und Gedanken bewusst zu werden, scheinbar „Unaussprechliches&#8221;  auszusprechen und der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit Herr zu  werden: „Vor dem Absenden einer Mail kann man noch mal und noch mal  drüberlesen – bis die Worte genau das ausdrücken, was einem wichtig  ist.&#8221;</p>
<p>Mittlerweile passiert es häufig, dass Menschen mit  langwierigen Erkrankungen Blogs beginnen oder Sammelmails schreiben oder  ihre Facebookseiten ausführlicher pflegen. Viele dokumentieren ihre  Krankheit und verwandeln sie dabei. Sie formen sie zu einer Geschichte,  sie erklären die Behandlung, und manchmal geben sie sie, ganz nebenbei,  der Lächerlichkeit preis. Thomas Schopperth glaubt, dass das  Kommunizieren dabei helfen kann, die „Lebenskrise Krebs&#8221; zu verkraften:  „Die Krankheit verändert das Leben, und genau darüber wird man sich auch  beim Schreiben klar.&#8221; (Allerdings warnt der Psychoonkologe davor,  online zu viele Details preiszugeben. Man solle sich zum Beispiel sehr  gut überlegen, ob die online in einem Blog dokumentierte Krankheit nicht  irgendwann einmal, während der Suche nach einem neuen Job  möglicherweise, zu einem Problem werden könnte.)</p>
<p>„Krebsfrei&#8221;,  sagen die Ärzte nach der zweiten Operation zu Manfred Manthey. Sie  empfehlen, zur Sicherheit, eine 37-tägige Strahlentherapie. Als Sophia  an Ninas Bett sitzt, erkennt sie, dass ihre Freundin sich vor der  Therapie fürchtet. Zu Hause am Computer gründet Sophia „37 days support  for Nina&#8221;, eine Facebookgruppe, der mehr als 100 Freunde bei­treten.  Sophia sammelt Geschenke für einen 37-teiligen Strahlenkalender. Die  Freunde schicken Glücksanhänger, Origamivögel, Kettchen, ein Freund aus  Brasilien schickt ein Bild. „Nina hat täglich gepostet, wie es ihr geht  und was aus unserem Kalender sie geöffnet hatte. Jeder sah die Geschenke  der anderen. Das war so ein schönes Erlebnis.&#8221;</p>
<p>Immer wieder  beschreibt Nina ihren Zustand. „FUCK FUCK CANCER – i will beat the shit  out of you!!!&#8221; lautet einmal eine Statuszeile. Eine Freundin  kommentiert: „You are not alone on this battlefield, my friend!&#8221; 20  Freunde klicken den „Like&#8221;-Button. Als die Bestrahlung zu Ende ist,  ertastet Nina an ihrem Hals zwei Knötchen. Die Ärzte sagen, das könne  kein Krebs sein – nicht nach dieser Bestrahlung. Sie schicken Nina in  die Weihnachtsferien. Im Januar sind die Knoten größer geworden. Nina  wird operiert, ein schwieriger Eingriff, ein Nerv wird durchtrennt, die  Zunge bleibt gelähmt. Ihr Profilbild auf Facebook wird zu Worten: „Im  Kampfmodus. Level 2. Mit mehr Gegnern.&#8221;</p>
<p>Nach einer Woche  Chemotherapie fällt sie Ende Februar in ein Koma, aus dem sie nicht mehr  erwacht. Am 2. März postet eine Freundin die Nachricht vom Tod in der  Facebookgruppe. Sophia löscht sie nach Rücksprache mit anderen. „Die  engen Freunde sollten es nicht auf Facebook, sondern am Telefon  erfahren.&#8221; Sie überlegt. „So ein Posting geht so schnell – und ein Tod  ist so etwas Tiefes. Wir hatten Hemmungen, es auf Facebook zu  veröffentlichen.&#8221; Erst zwei Tage später schreibt eine Freundin die  Nachricht an die Pinnwand der Gruppe. Bald schreiben immer mehr Freunde  in Ninas Facebookprofil. „Du bist in meinen Gebeten&#8221; – „I have no  words&#8221;. Die Timeline wird zum Kondolenzbuch, das nie schließt. Noch  Monate nach dem Tod schreiben Freundinnen in Ninas Profil, dass sie sie  vermissen.</p>
<p>Am Tag der Beerdigung standen übrigens vier Kommentare  an der Pinnwand, die einander sehr ähnlich waren. Freunde aus Beirut,  Hamburg, New York und München notierten das Wetter in ihren Städten. Es  war überall sonnig. Prinzessinnenwetter.</p>
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		<title>Der Mann, der fürs Kiffen bezahlt wird</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Jul 2011 11:05:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Internet ist ein Ideengenerator und will uns mit Links froh machen oder: Die kleine Geschichte über die Suche nach einem Cannabiskritiker. Gestern habe ich auf Youtube ein Video gesehen. Zwei Hunde sitzen im Restaurant an einem Tisch. Sie tragen einen Pullover und essen mit Messer und Gabel aus einem Teller mit Kartoffel- und Fleischstücken. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Das Internet ist ein Ideengenerator und will uns mit Links froh machen  oder: Die kleine Geschichte über die Suche nach einem Cannabiskritiker.</em></p>
<p><span id="more-168"></span>Gestern habe ich auf Youtube ein Video gesehen.  Zwei Hunde sitzen im Restaurant an einem Tisch. Sie tragen einen  Pullover und essen mit Messer und Gabel aus einem Teller mit Kartoffel-  und Fleischstücken. Das sieht drollig aus, weil hinter den Hunden und  unter den Pullovern Menschen sitzen, die ihre Arme durch die Ärmel  gesteckt haben. Vorne schauen die Hände raus, die das Besteck halten und  die Hunde manierlich füttern. „Two Dogs Dining“ heißt das Video und es  ist lustig. Nach zwei Minuten ist es nur noch mittellustig und nach  sechs Minuten (das Video ist lang), ist es schon öde und man hat  außerdem Angst, dass die Gabelhände aus Versehen in die Hundeschnauzen  stechen. Aber hey: Nette Idee. Danke, Internet. Was gibt’s noch?</p>
<p>Ein Freund schickte mir vergangenen Oktober den Link zu einer  amerikanischen Zeitung, die einen Autor dafür bezahlt, dass er Marihuana  testet. Der Mann kauft ein, stopft die Bong, zieht einen durch und  verfasst dann am Computer Kritiken. In Amerika geht so was. Seit 15  Jahren darf man in Kalifornien unter bestimmten Bedingungen Gras  rauchen. Der Bundesstaat war der erste in Amerika, der „Medical  Marijuana“ erlaubte. Bei Erkrankungen wie Epilepsie oder sogar bei Krebs  können die Ärzte zur Linderung Gras verschreiben. Das Rezept legt man  in einer Dispensary vor, einer Art Marihuana-Apotheke, und kann dann  grammweise einkaufen. Mittlerweile gibt es diese Regelung auch in  anderen US-Staaten, unter anderem in Colorado. Und dort schreibt der  Kiffkritiker mit dem Pseudonym William Breathes.      William arbeitet  für die alternative Wochenzeitung „Westword“ in Denver. Jede Woche  testet er eine andere Dispensary und schreibt die Erlebnisse in seine  Kolumne „Mile Highs and Lows“. (Der Titel beschreibt nicht nur  Bewusstseinszustände. Denver liegt auf 1609 Metern Höhe am Rande der  Rocky Mountains, also genau eine Meile über dem Meeresspiegel.)</p>
<p>Mitte Mai war William zum Beispiel bei Green Meadows Wellness, einer  Dispensary in Lakewood. Dort muss es so mittelgut gewesen sein. Steve,  der Besitzer, hat einen Hund namens Otis, der bei einem früheren  Besitzer misshandelt worden ist und nun alle Freiheit genießt. Otis  macht sich auf der runtergekommenen Couch im Eingangsbereich breit, die  eigentlich der Kundschaft vorbehalten ist, schreibt William. Die  Grasauswahl in Steves Laden ist entgegen der Ankündigung auf der Website  mau. Aber Williams Text zufolge scheint die Qualität des Vorhandenen  immerhin okay zu sein. Ein User kommentiert, dass das Zeug aus Lakewood  den Nachgeschmack von Düngemittel habe. Dann meldet sich der  Ladenbesitzer und schreibt, dass es noch nie Beschwerden gegeben habe.  Und ob der Autor, also William, schon mal was von der Wirtschaftskrise  gehört habe, die es ihm nicht erlaube, den Kunden die neueste Couch  hinzustellen? Vielleicht, setzt Steve nach, könne er sich die Couch auch  wegen der hohen Anzeigenpreise bei „Westword“ nicht leisten.</p>
<p>Tatsächlich gibt es in „Westword“ immer mehr Anzeigen von Dispensaries.  Cannabis als Arzneimittel ist in Colorado eigentlich schon seit elf  Jahren erlaubt, trotzdem gab es bis 2009 im Raum Denver nur gut 70  Dispensaries. Ein Grund war die Strafbarkeit. Eine Dispensary, die sich  an das Recht in Colorado hielt, musste dennoch mit Razzien durch  Bundesbeamte rechnen. Erst unter Barack Obama gab es die Ansage, dass  Washington die Dispensaries künftig in Frieden lassen wolle. Seitdem  geht es rund. In Denver sind innerhalb von zwei Jahren gut 200 neue  Ausgabestellen entstanden. Immer mehr Menschen beantragen die „Medical  Marijuana Card“, den ärztlichen Nachweis, den unter anderen William  Breathes vorlegen muss, damit er, aus gesundheitlichen Gründen, Gras  kaufen darf. In Colorado hielten im Mai fast 130.000 Menschen die Karte  in der Hand. Das sind 2,6 Prozent der Bevölkerung. So gesehen ist die  Entscheidung, dem neu entstandenen Gewerbe einen Journalisten  beizustellen, nachvollziehbar. Die Stellenausschreibung in &#8220;Westword&#8221;  stieß auf viel Zuspruch, auch wenn die Redaktion warnte: „After all, we  can’t have our reviewer be stoned all the time.“ Mehr als 250 Menschen  bewarben sich. Noch als der Job längst vergeben war, kam Post. Kiffer,  heißt es bei „Westword“, seien nicht immer die schnellsten.</p>
<p>William Breathes ist 31, stammt aus Denver und arbeitet seit seinem  Studium als Journalist. Er kifft seit 17 Jahren. Vor allem, so hat er es  einmal einer CNN-Journalistin gesagt, wegen seiner chronischen  Magenbeschwerden. Neulich hat er geheiratet. Zumindest beschreibt er in  seinem Blog seine Flitterwochen in Jamaica, während der er ausgiebig die  gräsernen Früchte des Landes testet. Als er aber via Miami wieder in  sein Heimatland reist, erwartet ihn am Flughafen ein Drogenhund. Er hat  vor seiner Abreise aus Jamaica zwar alle verdächtigen Brösel aus der  Kleidung geklopft, ist aber trotzdem aufgeregt. Auch wenn Amerika  leidlich liberal scheint &#8211; es ist immer noch ein Unterschied, ob man das  Gras dort unter Auflagen kauft oder mit ins Land bringt. William wird,  nach ausführlicher Kontrolle, von sehr misstrauischen Beamten durch die  Grenzkontrollen gewunken. Er trägt nichts bei sich, aber er stellt fest,  dass all das Waschen nix hilft: „Ich rieche eigentlich immer nach  Gras.“</p>
<p>Anfang November 2010 schreibe ich William zum ersten  Mal wegen eines Gesprächs an. Er antwortet, dass er sehr gerne mit mir  reden wolle, im Fuß seiner Mail steht Bob Marleys Spruch: „Herb ist the  healing of a nation.“ Nach zähem Hin und Her verabreden wir uns zu einem  Telefonat. Er will sich melden, doch die vereinbarte Zeit verstreicht.  Telefonnummer habe ich keine, der Kiffkritiker will unerkannt bleiben.  In mehreren Videos in seinem Blog trägt er eine Baseballmütze, eine  Sonnenbrille und ein Kopftuch vor dem Gesicht. Es folgt eine Mail:  „Sorry, hab verschlafen.“ Dann meldet er sich nicht mehr. Ende Januar  2011 schreibe ich ihm wieder. Ich habe mich festgebissen. Ich will die  Geschichte hinter dem Link verstehen, der mich zu „Mile Highs and Lows“  führte. Es war einer dieser vielen unterhaltsamen oder erstaunlichen  Links, die einem auf Facebook oder in den Mails von Freunden ins Gesicht  fliegen. Immer steckt eine kleine Überraschung dahinter, eine  Verblüffung, die Links bergen Hinweise auf das Leben der Anderen und ein  anderes mögliches Leben, sie bergen im besten Fall das, was man  vielleicht &#8220;Inspiration&#8221; nennt, also Anlass zum Weiterdenken. Manchmal  sind sie auch nur die idealen Geschichten zum Weitererzählen beim Bier.  Und manchmal steckt sogar ein bisschen Weisheit in ihnen.       William  antwortet. Er entschuldigt sich und schreibt, dass er mir ein „Bier oder  einen Spliff“ schulde, dafür, dass sich die Sache so hinziehe. Er wolle  immer noch unbedingt mit mir reden. Wir vereinbaren einen Termin im  Februar, der wieder verstreicht. Es wird still.</p>
<p>Im März schicke  ich ihm einen Fragebogen. Im Mai schreibe ich ihm, dass ich im Juni in  Denver wäre. Ob man sich treffen könne? Und er solle bitte nicht denken,  dass ich ein Stalker sei! Er meldet sich nicht mehr.</p>
<p>Es gibt  zum Beispiel diese Webseite, auf der Leute ihre Kinderfotos nachstellen.  Es gibt Leute, die auf der Basis von Facebook-Profilfotos Aquarelle  zeichnen. Es gibt Leute, denen man seinen Bleistift zusenden kann, der  dann von einem Profi gespitzt und mit Zertifikat zurückgeschickt wird.  Das irgendwie Denkbare bekommt im Internet sein Gesicht und seinen Link.  Nichts muss unverwirklicht bleiben, jede Idee kann immerhin und  mindestens eine Fassade bekommen. Es muss nicht immer was dahinter sein.  Der Mann, der die Bleistifte spitzte, hat seine Kunst zum Beispiel  schon wieder an den Nagel gehängt. Es gab Interviews mit ihm, er  veranstaltete in New York ein Schauspitzen und die Website zu seinem  Spitz-Unternehmen sah wirklich toll aus. Aber dann war es auch gut. Es  war eine nette Idee und das war es, was zählte.</p>
<p>Im Juni,  am Ende eines sehr heißen Tages, an dem Dirk Nowitzki zum zweiten Mal  gegen die Miami Heat verloren hat, sitze ich in der Fußgängerzone von  Boulder, Colorado, und schaue. Ein Mann geht auf und ab, er trägt ein  Schild. „Dream“ steht auf der einen Seite. Er geht auf die Menschen zu,  sagt nichts, zeigt ihnen das Schild. Dann dreht er das Schild und da  steht: „Be happy“. Die Menschen lachen ihn verstört an aber wundern sich  nicht. Boulder war mal so etwas wie eine Hippiestadt. In Boulder  heirateten 1975 die ersten gleichgeschlechtlichen Paare Amerikas. Die  Kirchenchefs und die Bürger waren zornig über den vermeintlichen Verfall  der Sitten. Die verantwortliche Verwaltungsbeamtin erinnert sich heute,  dass damals ein empörter Mann mit seiner Pferdestute vor der Tür stand.  Er wollte, wohl aus Protest, mit seinem Pferd verheiratet werden. Die  Beamtin verweigerte das Ansinnen, weil das Pferd acht Jahre alt sei. Zu  jung für eine Heirat.</p>
<p>„Dream“. Der Mann geht auf mich zu.  Vielleicht, denke ich, sollte ich einen Internetdienst einrichten. Auf  dieeinfachstenbotschaftenderwelt.de könnte man einen Feed abonnieren,  der einem zehn Mal am Tag eine einfache aber gute Botschaft auf den  Computerbildschirm jagt. Vielleicht würde ich wegen meiner Webseite von  der Zeitschrift „petra“ und der Westfälischen Zeitung interviewt. Ich  würde sagen, dass die Menschen häufiger an die einfachen Sachen erinnert  werden müssten und dass mir das der Schildermann von Boulder in  Erinnerung gerufen habe. Vielleicht würde der Link zu der Seite noch ein  paar Mal getwittert und das wärs dann gewesen. Es wäre eine Idee aus  der Fußgängerzone von Boulder gewesen, die bei ein paar Menschen ein  paar Minuten ein Feuerchen entzündet hätte.</p>
<p>Am nächsten  Morgen, ein Montag, fahre ich von Boulder die 25 Meilen nach Denver und  frage die Empfangsdame im backsteinernen Redaktionsgebäude von  „Westword“ (969 Broadway) nach William Breathes. Sie nickt und  telefoniert und bittet mich, neben einem Ständer mit alten  „Westword“-Ausgaben Platz zu nehmen. Die Chefredakteurin kommt die  Treppe herunter. Ich hatte ihr in der Woche vorher noch eine Mail  geschrieben und nach Breathes gefragt. Sie habe William auf die Mailbox  gesprochen, sagt sie nun, er sei nicht zu erreichen. Sie hebt  entschuldigend ihre Hände. „Sobald er sich bei mir meldet, sage ich ihm,  dass er Sie anruft.“ Dann geht sie wieder die Treppe hoch. Ich sehe ihr  nach und gehe vor die Tür. Was bleibt mir?</p>
<p>Auf dem Gehsteig  von Denver geht es auf Mittag zu, es wird schon wieder sehr juniheiß.  Nebenan ragen die Hochhäuser der Innenstadt in den Himmel, dahinter  machen die Rocky Mountains dasselbe. So sieht sie also aus, die Quelle  des Links, dieser kleinen Idee, die ich vergangenen Oktober geöffnet  hatte. Was habe ich gefunden? Nicht viel, eigentlich. Nur einen Mann mit  einem Schild und drei Worten.</p>
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		<title>Kopf an, Kopf aus</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jun 2011 10:18:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Tourette-Syndrom ist eine rätselhafte Krankheit. Den Erkrankten werden nun immer häufiger Elektroden ins Gehirn implantiert, die Stromstöße abgeben. Auch wenn es hilft – darf man das? (erschienen im SZ am Wochenende vom 18. Juni 2011)  Jetzt ist er ruhig, die Narkose wirkt. Sie haben Gorans Kopf mit einem Kunststoffring fixiert, haben ihm die Haare [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Tourette-Syndrom ist eine rätselhafte Krankheit. Den Erkrankten werden nun immer häufiger Elektroden ins Gehirn implantiert, die Stromstöße abgeben. Auch wenn es hilft – darf man das? <em>(erschienen im SZ am Wochenende vom 18. Juni 2011) <span id="more-132"></span></em></p>
<p>Jetzt ist er ruhig, die Narkose wirkt. Sie haben Gorans Kopf mit einem Kunststoffring fixiert, haben ihm die Haare geschoren, an zwei Stellen die Kopfhaut aufgeschnitten und sie zur Seite geklappt. Man kann Gorans Schädelknochen erkennen. Es ist kein Blut zu sehen, der Arzt hat die Venen verödet. Jan Mehrkens nimmt an einem Mittwoch im vergangenen Oktober um halb zwölf Uhr mittags den Bohrer und setzt ihn auf Gorans Kopf. Für Goran ist es, tatsächlich, die letzte Hoffnung.</p>
<p>Anfang der Woche war er aus Ljubljana in Slowenien mit dem Nachtzug nach München gereist. Müde aber aufgeregt betrat er im Morgennebel das Klinikum Großhadern. Den ganzen Tag über haben sie seinen sehnigen, 27 Jahre alten Körper untersucht, der seit Jahren in Bewegung ist. Irgendwann im Alter von neun Jahren musste Goran immer häufiger mit den Augen zwinkern und mit der Nase schnüffeln. Es sah aus wie eine Macke und entwickelte sich zum Tic. Das ist oft so bei <script type="text/javascript">// <![CDATA[
counterHighl+=1;document.write('<a name="highl' + counterHighl + '" href="#highl' + (counterHighl + 1) + '">');
// ]]&gt;</script>Tourette-Patienten, häufig geht es um das siebente Lebensjahr herum los. Bald gingen Zuckungen durch Gorans Körper, dann fing das mit dem Schreien an, und bald verlor er jeden Einfluss auf seinen Körper und steckte mitten in dieser seltsamen Krankheit.</p>
<p>Nur am Dienstagabend, am Vorabend der Operation, sitzt er seltsamerweise ruhig auf dem Bett in seinem Krankenzimmer. „Das kann nicht lang dauern“, sagt die Psychiaterin Sandra Dehning leise zu sich selbst. Sie sitzt zu Füßen des Bettes und mustert Goran Erdelja interessiert. An der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität betreut sie eine Studie zur Tiefen Hirnstimulation (THS), sie hat schon viele <script type="text/javascript">// <![CDATA[
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// ]]&gt;</script>Tourette-Patienten gesehen und sagt zu Goran, so verwundert, als entdecke sie gerade ein neues Land: „Sie ticken gar nicht.“ Gorans Augen liegen tief. Er zögert mit einer Antwort. „Ich bin so müde. Ich bin einfach so müde.“ Gorans Symptome sind stark. „It is like a pressure“, sagt er und erzählt, dass sein Körper wie ein Kompressor sei, der sich mit Druck fülle und ihn zwinge, zu schreien oder anderer Leute Reden nachzuplappern. „Wenn jemand ein Wort sagt, dann wiederhole ich es immer wieder.“ Der Druck löst sich aber nicht nur in Schreien sondern auch in Gewalt gegen sich selbst auf. „Ich schlage mit der Faust so lange auf meine Oberschenkel, bis sie blau sind. Ich drücke meine Finger so fest in die Haut, dass es blutet.“ Goran erzählt, wie er versuchte, in seinem Job als Medizintechniker zu bleiben und wie sich seine Eltern und Geschwister um ihn kümmern. Dann, wie eine schnelle Geburt, drückt es ein lautes und langgezogenes „Haaa“ aus seiner Lunge, als habe ihm jemand einen Schlag verpasst. Er verrenkt seinen Kopf zur rechten Seite. Sein Oberkörper schnellt wie ein Klappmesser nach vorne auf seine Oberschenkel. Er richtet sich wieder auf. Dann verrenkt sich sein Oberkörper nach rechts und schnalzt auf das Bett. „Ich kann es nicht mehr erwarten“, sagt er und meint die Operation.</p>
<p><script type="text/javascript">// <![CDATA[
counterHighl+=1;document.write('<a name="highl' + counterHighl + '" href="#highl' + (counterHighl + 1) + '">');
// ]]&gt;</script>Tourette-Patienten haben Macken, sogenannte Tics. Manche ziehen Grimassen oder bewegen sich ruckartig. Manche schlagen sich. Es gibt Fälle, in denen sich Patienten so oft in die Augen fuhren, dass sie blind wurden. Eine andere Abwandlung der Krankheit ist die Koprolalie. Die Menschen schreien dann Schimpfwörter. „Scheiße“ oder „ficken“ sind noch harmlose Beispiele. Andere leiden an „Echopraxie“, sie ahmen Menschen und Tiere nach. Ihr Körper zwingt sie zu quaken wie Enten oder zu blöken wie Schafe. Niemand weiß, warum das so ist. Der Franzose Gilles de la <script type="text/javascript">// <![CDATA[
counterHighl+=1;document.write('<a name="highl' + counterHighl + '" href="#highl' + (counterHighl + 1) + '">');
// ]]&gt;</script>Tourette hat der Krankheit zwar Ende des 19. Jahrhunderts seinen Namen gegeben, aber keine Ursache ermittelt. Es kann sein, dass in den Basalganglien, mitten im Gehirn, der Stoffwechsel gestört ist. Vielleicht ist eine Infektion die Ursache. Gewiss ist nur, dass der Kopf wirre Signale in den Körper sendet. Manche Patienten können trotz dieser Signale einigermaßen gut weiterleben. Viele können es nicht.</p>
<p>Sandra Dehning geht mit Goran den Ablauf der Operation durch und beschreibt ihm, wie er unter die Hände von Jan Mehrkens gerollt werden wird. Der Neurochirurg wird Goran zwei dünne Elektroden von je 1,3 Millimetern Durchmesser ins Gehirn implantieren. Sie sollen ein Störfeuer erzeugen, das die Störsignale aus seinem Gehirn nivelliert. Bei Parkinson zum Beispiel wird die Operation schon seit einigen Jahren mit erheblichem Erfolg angewandt: In Deutschland werden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie jedes Jahr gut 700 Patienten auf diese Weise von Muskelzittern oder von verlangsamten Bewegungen erlöst. Der Erfolg macht den Ärzten Mut. Nun werden immer häufiger auch <script type="text/javascript">// <![CDATA[
counterHighl+=1;document.write('<a name="highl' + counterHighl + '" href="#highl' + (counterHighl + 1) + '">');
// ]]&gt;</script><a name="highl6" href="http://www.diz.apa.at/Portal/restricted/results/fulltext.jsp#highl7">Tourette</a>-Patienten oder Epileptiker mit THS behandelt. Auch für Menschen, die unter Zwangserkrankungen oder schweren Depressionen leiden, könnte das Verfahren Hoffnung bedeuten.</p>
<p>Sandra Dehning wünscht Goran eine gute Nacht und schließt die Tür zu seinem Patientenzimmer hinter sich. Einen Moment hält sie im Gang die Klinke in der Hand und lauscht. Als hätte sie es berechnet, dringt nach einigen Sekunden ein erschütternder Schrei aus dem Zimmer. Die Anspannung während des Gesprächs und die Müdigkeit hatten Gorans Tics verdrängt. Er schreit weiter. Die ganze Nacht.</p>
<p>Auf einem anderen Stockwerk im Klinikum deutet der Neurochirurg Jan Mehrkens auf eine Darstellung des menschlichen Gehirns. Fast täglich implantiert der 39-Jährige Elektroden in die Köpfe seiner Patienten. Meist liegen Parkinson-Patienten unter seinen Händen. Bei Parkinson weiß man sehr gut, wohin die Spitze der Elektrode muss, um dem Zittern zu begegnen. Mehrkens zeigt jetzt auf das Papier vor sich auf dem Tisch. Dort ist das Gehirn des Menschen abgebildet. Mehrkens erklärt, wie die THS funktioniert: Ist die Elektrode einmal an ihrem Zielpunkt im Gehirn angelangt, wird von ihrem Ende an der Schädeldecke ein dünnes Kabel unter der Kopfhaut, vorbei an Ohr und Schulter zu einem Impulsgeber am Brustkorb gelegt. Von dort gehen je Sekunde feine Stromstöße in einer Frequenz zwischen 90 und 130 Hertz in das Gehirn. Es klingt ganz einfach, und wer zum ersten Mal davon hört, denkt: super Idee. Störfeuer, Gegenfeuer, alles gut. Doch ehe vor 25 Jahren im französischen Grenoble zwei Mediziner zum ersten Mal eine Tiefe Hirnstimulation versuchten, war in der Psychochirurgie schon ziemlich viel ausprobiert worden. Es ging nicht immer gut.</p>
<p>1936 bohrte der portugiesische Arzt António Moniz Löcher in den Kopf eines Menschen und schnitt durch die Nervenbahnen, die vom Stirnhirn zum Zwischenhirn führen. (Das Stirnhirn steuert unsere Bewegungen, das Zwischenhirn ist für Gefühle zuständig.) Moniz sah, dass Patienten, die vor dem Eingriff unter Psychosen litten, nachher ruhiger wurden. Ein teuer erkaufter Erfolg, weil viele Patienten nachher ihren Antrieb und ihr Gefühlsempfinden verloren. Es war überhaupt eine schlimme Zeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Manche wurden mit Elektroschocks oder Eisbädern behandelt, manche bekamen Malariaerreger gespritzt, um schwere und vermeintlich heilsame Krämpfe auszulösen. Der US-Mediziner Walter Freeman kopierte Moniz. Er entwickelte die Lobotomie, bei der er, vorsichtig ausgedrückt, vorbei an den Augäpfeln einen Weg ins Gehirn suchte, um dort einen ähnlichen Schnitt wie Moniz zu führen. Viele erlitten bei dem Eingriff Blutungen oder Hirnschäden. Eine Schwester von John F. Kennedy, Rosemary Kennedy, ließ ihre Depression auf diese Weise behandeln und lebte danach ein Leben lang in geschlossenen Einrichtungen. Doch die Methode wurde weiter angewandt.</p>
<p>Erst als in den 50ern Psychopharmaka auf den Markt kamen, begannen bessere Jahre. Der letzte Ausweg war bald nicht mehr die Lobotomie, sondern die Verödung bestimmter Orte im Gehirn. Erst die Tiefe Hirnstimulation hinterließ keinen Schaden mehr im Kopf. Die Elektroden simulieren einen Infarkt, der nur so lange dauert, wie der Impulsgeber eingeschaltet ist. Das klingt vergleichsweise beruhigend. Und doch gibt es keine Garantie dafür, dass die Methode, vor allem in neuen Anwendungsgebieten, zuverlässig funktioniert. Dann fragen Kritiker wieder von neuem, ob es klug ist, Elektroden ins menschliche Gehirn zu schieben.</p>
<p>Urban Wiesing ist Professor für Ethik in der Medizin an der Universität Tübingen und versteht schon allein wegen der schlimmen Geschichte der Psychochirurgie, warum sich Menschen vor einem Eingriff in ihr Gehirn fürchten. „Das ist eine tiefe Grundangst, die damit zusammenhängt, dass die Organisation von personalen Eigenschaften im Gehirn stattfindet. THS greift mechanistisch in ein Organ ein, das maßgeblich für die Persönlichkeit ist.“ Er versteht die Furcht, ein Implantat könne die Persönlichkeit eines Menschen ändern oder sogar einen anderen Menschen aus ihm machen. Aber Wiesing glaubt, dass ein Verzicht auf Forschung den Menschen nicht weiterbringe. „Wenn wir etwas Neues wissen wollen, müssen wir die Literatur wälzen, wir brauchen Laborversuche und Tierversuche. Die entscheidenden Erkenntnisse bekommen wir aber nur durch Forschungen am Menschen.“</p>
<p>Wenn der menschliche Körper ein Planet ist, dann ist das Gehirn noch immer ein vergleichsweise wenig begangener Kontinent. Gerade bei der seltsamen Krankheit <script type="text/javascript">// <![CDATA[
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// ]]&gt;</script>Tourette wissen die Neurochirurgen immer noch nicht genau, woher die Störung kommt. Deshalb stimulieren die Ärzte an der Universitätsklinik Köln die Tourettepatienten in einer anderen Region des Gehirns als etwa in Tübingen oder in München. Gut 125 Jahre nach der Entdeckung des <script type="text/javascript">// <![CDATA[
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// ]]&gt;</script>Tourette-Syndroms befinden sich die Ärzte bei der Behandlung der Krankheit immer noch im Versuchsstadium. Jan Mehrkens hat bisher sechs Tourettepatienten am Globus pallidus internus, einem bestimmten Bereich des Gehirns, operiert. Vier von ihnen sind so gut wie befreit von ihren Tics. Bei zweien hat der Eingriff keine Veränderung bewirkt.</p>
<p>Am Mittwochmorgen im vergangenen Oktober trägt Jan Mehrkens einen Mundschutz und spricht im Operationssaal mit einem Kollegen, der sich am Computer durch Aufnahmen von Gorans Gehirn scrollt, über den Weg der Elektroden in den Kopf. Die Bilder erzeugen ein Daumenkino, mit dem man wie in einem Film von oben nach unten durch Gorans Gehirn reisen kann. Mehrkens dreht am „Mikrodrive“, der erst, Millimeter für Millimeter, eine Testelektrode ins Gehirn schiebt. Sitzt sie an der richtigen Stelle, wird statt ihrer eine Führungshülse vorgeschoben, durch die schließlich die permanente Elektrode an ihr Ziel gelangt. Das Ganze geschieht erst in der linken Gehirnhälfte und dann in der rechten. (Die Mikroelektrode ist stumpf und drückt lediglich die Faserbahnen im Gehirn zur Seite. Goran spürt nichts, schon allein, weil das Gehirn keine Schmerzrezeptoren hat.) Nach zwei Stunden spricht der Anästhestist Goran vorsichtig an. Er will ihn wecken. Goran stöhnt. Bald bäumt sich sein Oberkörper nach vorne. Erst zwei Tage später werden die Elektroden aktiviert.</p>
<p>Vor allem bei Parkinson sind die Erfolge der THS frappierend, und vor allem sind sie sichtbar. Bei keiner anderen Krankheit gibt es so viel Erfahrung mit der Wirkung. Bei keiner gibt es aber auch so viel Erfahrung mit den Nebenwirkungen. Neben den Medizinern, die den Eingriff für sicher halten, gibt es Kritiker, die in Fachmagazinen auf Fälle deuten, in denen „nachhaltige Veränderungen von Persönlichkeit und Verhalten“ nach einer THS beschrieben sind. In manchen Fällen wird eine nach der Stimulation keimende Kleptomanie oder Sexbesessenheit beschrieben. Einmal wird von einem Architekten berichtet, der vor der Stimulation vor allem Gebäude malte und sich nachher auf weibliche Akte verlegte. In manchen Studien ist von erhöhten Selbstmordraten die Rede. Auch wenn sich diese Erkenntnisse auf Parkinson beschränken (von den sechs Münchner <script type="text/javascript">// <![CDATA[
counterHighl+=1;document.write('<a name="highl' + counterHighl + '" href="#highl' + (counterHighl + 1) + '">');
// ]]&gt;</script>Tourette-Patienten zum Beispiel hat bislang keiner eine veränderte Persönlichkeit), und auch wenn die Nebenwirkungen kontrollierbar sind (spätestens dann, wenn der Impulsgeber ausgeschaltet wird), so erzeugen sie doch Skepsis. Wiegen die positiven Wirkungen die möglichen Nebenwirkungen eines solchen Eingriffs auf?</p>
<p>Urban Wiesing sitzt in der Ethikkommission der Universität Tübingen und verweist auf den, so sagt er, „unausweichlichen Konflikt“ einer jeden Forschung: „Dass jemand durch solch einen Eingriff sexbesessen wird oder kleptoman, das hätten wir nie herausgefunden, wenn es nicht gemacht worden wäre. Das bestätigt, dass wir Forschung am Menschen brauchen. Aber nur unter strengen und kontrollierten Bedingungen.“ Den letzten Satz wiederholt er im Gespräch viermal. Und dann versucht er den Blick zu öffnen. Nicht erst die THS habe die Frage nach den Risiken der Forschung erzeugt. „Bei Krebs sind manche Therapien so invasiv, dass Patienten daran sterben.“ Wiesing will zeigen, dass das Risiko zum Fortschritt gehört und dass das Tasten und Versuchen für die Entwicklung der Medizin unverzichtbar ist. Aber was ist mit der Gefahr des Missbrauchs?</p>
<p>Es gibt Annahmen, nach denen alte Menschen länger leistungsfähig sein könnten, wenn sie mit THS behandelt würden. Werden wir irgendwann alle zwei Elektroden im Gehirn haben, um bis ins Grab schnell denken zu können? Werden wir am Ende irgendwann gesteuert wie Roboter? „Sie müssen davon ausgehen, dass Sie alle psycho-interaktiven Therapien missbrauchen können. Und nicht nur die: Ein Küchenmesser hilft ihnen beim Kochen. Sie können es aber auch für einen Mord gebrauchen. Die Befürchtungen bei der THS muss man sehr ernst nehmen. Sie reichen aber nicht, um zu sagen, wir fangen gar nicht erst mit der Erforschung der THS an.“</p>
<p>Daniela streicht in einem McDonalds-Lokal mitten in Bayern eine blonde Strähne von ihrer Stirn. Ruhig sitzt sie da und erzählt noch einmal aus ihrem früheren Leben, mit dem sie eigentlich nichts mehr zu tun haben möchte. „Ganz früher wäre ich als Hexe auf dem Scheiterhaufen gelandet“, sagt sie. Es fing in der Kindheit an, mit Naserümpfen und Schulterzucken. Mit 15 verschwinden die Tics, nach dem Realschulabschluss kommen sie aber wieder. „Ich bin dauernd auf dem Stuhl auf und ab gehüpft“, erinnert sich Daniela. Nach vielen Untersuchungen wird bei ihr, da ist sie 18, <script type="text/javascript">// <![CDATA[
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// ]]&gt;</script>Tourette diagnostiziert. Sie bekommt Medikamente, die die Tics unterdrücken. Fünf Jahre später aber kommt zu den Bewegungstics die Koprolalie. „Erst waren es Laute, dann wurden es Worte, dann wurden es ganze Satzgebilde und Schimpfwörter.“ Wenn ihr beim Einkaufen eine dicke Frau begegnete, stieß sie die Worte „fette Sau“ aus. Dann blickt sich Daniela um und hebt vorsichtig den Arm, um eine Geste anzudeuten, die wiederum ein Hinweis darauf sein soll, was ihr sonst noch über die Lippen gekommen ist. „Heil Hitler zum Beispiel“, flüstert sie leise.</p>
<p>Wegen der Koprolalie geht sie nur noch selten aus dem Haus. Sie geht nicht mehr einkaufen, aus Angst, dass sich ihr Kopf und ihr Mund selbständig machen. Sie traut sich nicht ans Telefon. Heilpraktiker sagen ihr, die Krankheit habe damit zu tun, dass ihr Uropa bei den Nazis gewesen sei. Ein anderer sagt, dass sie für böse Taten in einem früheren Leben büßen müsse. Diese Erklärungen bleiben unhinterfragt stehen, es gibt ja keine anderen. Bald muss Daniela ihre Arbeit als Kinderpflegerin beenden. Ihr Freund, den sie in einer Phase kennenlernte, in der es ihr besser ging, hält zu ihr und macht sich in guten Momenten gemeinsam mit ihr über die Krankheit lustig. Die Mutter aber weint immer wieder.</p>
<p>Erst nach fünf Jahren selbstgewählter Isolation geschieht etwas in Danielas Leben. 2007 will man sie in Köln, Hannover und München operieren. Es laufen Studien, die THS wird bei <script type="text/javascript">// <![CDATA[
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// ]]&gt;</script>Tourette getestet. Daniela fährt nach München und lernt dort alles über Elektroden, Impulse und Batterien. „Ich bin mir vorgekommen wie beim Media Markt“, sagt sie und sagt Ja zum Eingriff.</p>
<p>Nach der Operation dauert es einige Monate, ehe sich ein Effekt einstellt. Aber schließlich kann sie die Tabletten absetzen und lebt heute, tatsächlich, wieder ein normales Leben. Sie hat ein Kind bekommen. Sie sagt, dass das Implantat sie zu einem anderen Menschen gemacht habe. „Ich bin jetzt wieder ich selber“, sagt Daniela.</p>
<p>Goran Erdeljas Arzt schreibt im Mai dieses Jahres eine Mail nach München. „Mr. Erdelja is doing really well“, steht darin. Er habe nur noch wenige Bewegungstics und quasi keine vokalen Tics mehr. Er arbeite wieder Teilzeit und sei, schreibt sein Arzt, „very happy about that“. Sein Schreien hat offenbar ein Ende.</p>
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		<title>&#8220;Von wegen: Körper kaputt, Leben kaputt&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Jun 2011 10:20:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Aleks und Jule sind querschnittgelähmt &#8211; hier erzählen sie, wie sie Samuel Kochs Unfall erlebt haben und wie sich das Leben verändert, wenn das Rückenmark geschädigt ist (erschienen in der Süddeutschen Zeitung und auf jetzt.de)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aleks und Jule sind querschnittgelähmt &#8211; <a href="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/526814/Von-wegen-Koerper-kaputt-Leben-kaputt">hier</a> erzählen sie, wie sie Samuel Kochs Unfall erlebt haben und wie sich das Leben verändert, wenn das Rückenmark geschädigt ist <em>(erschienen in der Süddeutschen Zeitung und auf jetzt.de)</em></p>
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		<title>Das ABC des Headhunting</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Jun 2011 12:33:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Spiegel Online]]></category>

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		<description><![CDATA[Alle balgen sich um die klügsten Köpfe &#8211; und Headhunter profitieren davon. Christian Pape ist seit 1992 Personalberater in München. Er beschreibt, wie Job-Detektive und Vermittler ticken, was Informatiker schockt und warum manche guten Leute einen kleinen Tritt brauchen. (erschienen auf Spiegel Online, nachzulesen hier.)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Alle balgen sich um die klügsten Köpfe &#8211; und Headhunter profitieren davon. Christian Pape ist seit 1992 Personalberater in München. Er beschreibt, wie Job-Detektive und Vermittler ticken, was Informatiker schockt und warum manche guten Leute einen kleinen Tritt brauchen. (erschienen auf Spiegel Online, nachzulesen <a href="http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,769494,00.html">hier</a>.)</p>
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		<title>&#8220;Die verrückteste Sturmsaison, die ich je erlebt habe&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Jun 2011 12:28:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Peter Wagner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>

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		<description><![CDATA[Selten gab es in den USA soviele Tornados wie dieses Jahr &#8211; und selten wurden sie so oft gefilmt. Ein Interview mit dem &#8220;Storm Chaser&#8221; Tony Laubach. (in: Süddeutsche Zeitung und auf jetzt.de)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Selten gab es in den USA soviele Tornados wie dieses Jahr &#8211; und selten wurden sie so oft gefilmt.<a href="http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/526236/Die-verrueckteste-Sturmsaison-die-ich-je-erlebt-habe"> Ein Interview</a> mit dem &#8220;Storm Chaser&#8221; Tony Laubach. <em>(in: Süddeutsche Zeitung und auf jetzt.de)</em></p>
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