„Im Wald verschwand die Sinnfrage“

Der Forstwissenschaftler und Ökophysiologe Henrik Hartmann, 49, leitet eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Vergangenen Herbst sprach ich mit ihm über seine kanadischen Jahre: Mit Anfang 20 packte Hartmann seine Sachen und reiste nach Kanada. Er lernte eine Frau kennen, mit der er ein Haus im Wald kaufte und ein maximal einfaches Leben begann: „Ich machte, wozu man auf die Welt kommt: Ich ernährte mich und lebte. Ich führte ein ursprüngliches Leben. In meiner Kindheit verbrachte ich die Ferien auf dem Bauernhof meines Onkels. Was mir dort aus heutiger Sicht am meisten gegeben hat, war das Wegfallen der Sinnfrage: Morgens wachten wir auf und fütterten Schweine und Hühner, erst dann frühstückten wir. Das war ein natürlicher Ablauf. Erst die Tiere, dann wir, ich fühlte mich in diesen Abläufen gut. Im Wald in Kanada war das ähnlich. Das war nicht produktiv, aber natürlich. Ich kam aus der Industriegesellschaft Deutschland, in der alles immer da ist, in der es nie irgendwelche Versorgungsengpässe gibt. Wenn man Hunger hat, geht man in den Laden. Wenn es kalt ist, dreht man am Heizungsknopf und es wird warm. Es gibt keine wirklichen Bedürfnisse mehr. In Kanada erfuhr ich das Gegenteil. Im Wald war ich mir und meinem eigentlichen Dasein näher.“

Mein ganzes Interview mit Henrik Hartmann steht hier

Du sagst mir, was du weißt, und ich ich sag dir, was ich weiß

Terry Crews, Schauspieler und ehemaliger Football-Profi, wuchs im US-Bundesstaat Michigan auf, genauer gesagt in der Arbeiter- und Autostadt Flint. In den Achtzigern begannen große Autobauer wie General Motors, ihre Produktionen ins Ausland zu verlagern. Das wirtschaftliche Siechtum von Flint nahm seinen Anfang und Terry Crews, damals Teenager, trieben zwei Fragen um: Wie komme ich hier raus? Wo ist der Ausgang? Von seinen Eltern hatte er nicht viel zu erwarten, der Vater war schlimmer Alkoholiker und schlug Mutter und Kinder zugleich. Kürzlich erzählte Crews in einem Interview, wie genau er den Ausgang aus diesem Leben fand. Der Teenager Terry Crews und sein damals bester Freund gaben sich nämlich ein Versprechen: „Wenn du etwas lernst, musst du es mir sagen. Wenn ich etwas lerne, das du nicht weißt, dann, versprochen, sag ich es dir.“ Crews ging auf dieses Versprechen von damals nicht näher ein, er ließ den Satz während des Interviews so im Raum stehen, wie ich ihn zitiere: Du sagst mir, was du weißt, und ich sag dir, was ich weiß. Ich habe selten eine solch treffende Beschreibung des Prinzips Bildung gehört.

Seit Jahren frage ich Menschen nach ihren Lebenslehren. In Die Lehren der Anderen versammle ich immer wieder Antworten.

Post von Marion Gräfin Dönhoff

Marion Gräfin Dönhoff war Chefredakteurin und Herausgeberin der Wochenzeitung DIE ZEIT und starb 2002 im Alter von 93 Jahren. Vier Jahre vor ihrem Tod schrieb ich ihr einen Brief. Ich hatte gerade ein Studium begonnen, das so rein gar nichts mit Journalismus zu tun hatte. In vielen Ratgebern stand zu jener Zeit, wer Journalist werden wolle, solle ein Fachstudium absolvieren, egal welches, ohne akademische Vorbildung brauche man sich gar nicht erst um ein Volontariat oder um die Aufnahme an der Journalistenschule bemühen. Ich folgte dem Hinweis. Mein erstes Semester begann dann mit derart viel Mathematik und Physik und Chemie, dass ich ins Grübeln kam. War das alles eine gute Idee? War das ein guter Weg? Was braucht es für den Journalismus? In meinem Zweifel schrieb ich einen Brief an die höchste mir damals bekannte journalistische Instanz, Marion Gräfin Dönhoff von der ZEIT. Vor einer Woche entdeckte ich durch Zufall die Antwort wieder. Sie hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

Gib dem Jahr ein Motto

Es gibt eine Gedankenübung, die man sich vorzugsweise  für den ersten Januar eines Jahres vornehmen kann, die aber auch noch später, etwa am 19. Februar, ihren Dienst tut. Sie lautet: Gib dem Jahr ein Motto! Ein oder zwei Worte genügen. Es kann „Familie“ sein, oder „Kochen“ oder „Besser essen“. In Bezug auf die Arbeit ergibt vielleicht „Zuhören“ oder auch „Delegieren“ einen Sinn. In keiner Weise zu unterschätzen sind Motti wie „Weniger machen“ oder „Mehr schauen“. Zwei Dinge geschehen, wenn man sich ein Motto gibt. Ding eins: Noch während der Suche nach einer solchen Überschrift für das neue Jahr stellt man sich ganz automatisch entscheidende Fragen: Was ist mir gerade wichtig? Wo hakt’s? Was will ich? Das Motto ist dann die kürzeste denkbare Antwort auf diese Fragen. Ding zwei: An solch ein Motto kann man sich immer wieder erinnern, ein ganzes Jahr lang. Ist ja nur ein Wort, eine kurze Formel, kein Aufsatz. Es hilft, etwas Wesentliches im Blick zu behalten.

Seit Jahren frage ich Menschen nach ihren Lebenslehren. In Die Lehren der Anderen versammle ich immer wieder Antworten.

Such dir einen Chor

Der Autor Daniel Pink ist eine Art Übersetzer. Er übersetzt die Erkenntnisse der Verhaltensforschung in lesbare Bücher, die wiederum in Anleitungen zum besseren Leben münden. Sein Buch Drive zum Beispiel ist jedes Lesen wert. Darin beschreibt er, was eine zufriedenstellende und motivierende Arbeit auszeichnet: Sie vermittelt uns Sinn, sie gibt uns die Gelegenheit, besser zu werden und sie lässt uns die Freiheit, eigenen Interessen nachzugehen. In seinem neuen Buch When schreibt Pink über Timing in allen Schattierungen. In einer Passage geht er auf das Wesen des Chorgesangs ein: Wer synchron mit anderen singt, hält mehr Schmerzen aus und kommt mit weniger Medikamenten zurecht. Wer zusammen mit anderen singt, neigt weniger zu Depression und ist besser gelaunt. Gemeinsames Singen, schreibt Daniel Pink, scheint etwas durch und durch menschliches zu sein, etwas zutiefst sinnstiftendes. Chor tut uns gut.

Seit Jahren frage ich Menschen nach ihren Lebenslehren. In Die Lehren der Anderen versammle ich immer wieder Antworten.

„Man muss vergeben können“

Seit Jahrzehnten bauen drei Brüder in Rothenburg ob der Tauber Anhänger für die Landwirtschaft oder für Handwerksbetriebe. Als ich die drei einmal besuchte, waren sie allesamt am Werkeln. Friedrich Burger, damals 78 Jahre alt, gelernter Fahrzeug- und Karosseriebauer, führte mich durch die Produktion. Er zeigte mir einen Muldenkipper, wie er etwa in der Maisernte eingesetzt wird. Georg Burger, 84, gelernter Wagner, reparierte gerade den Anhänger eines Metzgers. Gemeinsam mit Erhard Burger, 81, ebenfalls gelernter Wagner, setzten wir uns ins Büro, wo ein Ölofen die herbstliche Luft erwärmte. Die drei Herren redeten von den guten Zeiten, vom Wert handwerklicher Arbeit. Sie entfalteten eine Geschichte, wie man sie häufig hört, wenn man „die letzten ihrer Art“ besucht: Die Globalisierung hat die Märkte verändert, die kleinen Betriebe haben zu kämpfen. Am Ende des Gesprächs fragte ich, wie das geht, sechzig Jahre in brüderlicher Eintracht nebeneinander zu arbeiten? Wie macht man das, ohne wahnsinnig zu werden? Da war es dann einen Moment lang still, ehe Georg Burger diese zwei Sätze in den Raum stellte: „Man muss vergeben können. Wenn man das nicht kann, dann geht‘s nicht.“

Seit Jahren frage ich Menschen nach ihren Lebenslehren. In Die Lehren der Anderen versammle ich immer wieder Antworten.

„Wir wollen erkannt werden“

Als Kind hatte die Illustratorin Birgit Schössow Neurodermitis. „Ich erlebte in der Zeit immer wieder, was es heißt, ausgegrenzt zu werden. Meine Haut sah in der Regel nicht besonders gut aus.“ Viele Jahre später liegt sie eines sonntagmorgens mit ihrem Partner im Bett. Er liest ihr aus „Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels“ vor, einer kleinen Geschichte von Wolfgang Borchert:

In einem Ausflugslokal begegnen sich ein lispelnder Kellner und ein lispelnder Onkel. Der Onkel denkt, der Kellner würde sein Lispeln imitieren. Bald beklagen beide ganz bitterlich die Wüstheit des je anderen: Was er sich einbilde, dass er sich über seinen Sprachfehler lustig mache! Dann aber belegt der eine dem anderen, dass von Nachahmung keine Rede sein könne. Der Kellner hat seinen Sprachfehler seit Geburt, der Onkel schuldet ihn einer Kriegsverletzung. So legt sich die Aufregung und der Kellner klagt dem Onkel in einem Anfall von Erleichterung, wie er Zeit seiner Kindheit wegen dieses Sprachfehlers gehänselt wurde. Und da passiert dieser Moment, der die Geschichte berührend macht. Der Onkel legt seine Hand auf die Hand des Kellners und sagt, sehr lispelnd: „Armesch kleinesch Luder! Schind schie schon scheit deiner Geburt hinter dir her und hetschen?“ Und plötzlich löst sich etwas im Kellner. Wolfgang Borchert schreibt: „Aber sein Herz empfing diese Welle des Mitgefühls wie eine Wüste, die tausend Jahre auf einen Ozean gewartet hatte. Bis an sein Lebensende hätte er sich so überschwemmen lassen können! Bis an seinen Tod hätte er seine kleinen Hände in den Pranken meines Onkels verstecken mögen! Bis in die Ewigkeit hätte er das hören können, dieses: Armesch kleinesch Luder!“

Es war also ein Sonntagmorgen, als Birgit Schössows Partner ihr den Schischyphusch und eben diese Szene vorlas. „Ich fing an zu heulen“, erinnert sich Schössow. Dieser Moment des Handauflegens hat Wucht, er ist ein so trauriger wie erhebender Wendepunkt der Geschichte. Der Onkel erkennt den Kellner als das, was er ist, ein gehetzter, gedrängter Mensch. Überhaupt: Er erkennt ihn. „Und darum geht es“, sagt Birgit Schössow. „Ums Erkanntwerden. Wir wollen erkannt werden. Das ist es, was wir uns alle wünschen, in unseren Leben, in unseren Freundschaften, in unseren Partnerschaften: dass der andere einen selbst als das erkennt, was man ist. Ohne alles Gedöns drumrum.“ Vielleicht löst der Schischyphusch bei so vielen Menschen Rührung aus, weil fast alle in der einen oder anderen Form dieses Gefühl von Ausgeschlossensein oder Ungenügen kennen. „Jeder hat etwas, mit dem er von anderen ausgeschlossen werden kann“, sagt Birgit Schössow. „Beim einen ist es die Neurodermitis und beim anderen ist es ein Lispeln.“

Seit Jahren frage ich Menschen nach ihren Lebenslehren. In Die Lehren der Anderen versammle ich immer wieder die Antworten.