Versuch, dem Journalismus eine neue Seite abzugewinnen. Ein Aufsatz in 33 Schritten

1. Ich habe ein Buch namens Wofür es gut ist geschrieben, für das ich gut hundert Menschen nach den Lehren ihres Lebens gefragt habe. All die Erfahrungen der Menschen lassen sich auf einen Satz bringen: Das Leben braucht vor allem eine Küche zum Reden, eine Werkstatt zum Machen, einen Balkon zum Lassen und ein Wohnzimmer für die Liebsten.

2. Es ist erstaunlich, wie häufig das „Machen“-Motiv in den Gesprächen vorkam. Immer wieder sprachen Menschen vom „Weitermachen“, vom „Anfangen“, vom „Machen“ auch im Angesicht von Widerständen. Im „Machen“ in all seinen Versionen scheint etwas zu liegen. Das sagen auch Sinnforscher. Sie schreiben, dass das Machen, das Bauen, das Erstellen von Dingen und Projekten den Menschen Sinn gibt.

3. Eine Perspektive auf das „Machen“ fand ich persönlich besonders reizvoll. Paul Graham finanziert heute im Silicon Valley Internet-Startups. Er schreibt aber auch sehr gern. Einmal notierte er in seinem Blog, wie man im Leben die Tätigkeit findet, die einem wirklich liegt. Sein Rat: Machen. Einfach anfangen, ausprobieren, ganz egal was. Nur im Machen, im Testen, im Loslegen entsteht ein Gefühl für das, was zu uns passt.

4. 2013 habe ich den Ratschlag beherzigt und gemeinsam mit Joanna Mühlbauer Das Buch als Magazin gegründet, ein Magazin, das Literatur und Journalismus verknüpft. Im ersten Teil des Heftes steht ein Klassiker der Literaturgeschichte wie „Woyzeck“ oder „Faust“ im Original zu lesen. Im zweiten Teil stehen journalistische Geschichten, die sich in der einen oder anderen Weise auf den Klassiker beziehen. So zeigen wir, wie sich die Gegenwart in Klassikern spiegelt, so stellen wir neue Bezüge zu alter Literatur her.

AlleMagazine

5. Als das erste Heft mit Kafkas „Die Verwandlung“ erschienen war, fragte ein Journalist, weshalb wir das machen würden. Ich war ratlos. Ich bin kein Literat, wie man ihn sich wünschen würde. Ich habe Freude an Ideen und – wir haben einfach angefangen. Aber warum genau? Tja.

6. Einmal habe ich Daniel Pink interviewt, der Mann war mal Redenschreiber von US-Vizepräsident Al Gore, heute schreibt er Bücher. In seinem Bestseller Drive skizziert er, was uns bei der Arbeit motiviert. Seine Erkenntnis besteht aus drei Punkten: 1. Bei der idealen Arbeit spürt der Mensch ein Gefühl von Freiheit (in der Wahl seiner Projekte). 2. Er hat das Gefühl, besser werden zu können. (Pink verwendet an der Stelle das Schlagwort Perfektion) 3. Er verspürt ein Gefühl von Sinn.

7. Die Freiheit beim Arbeiten am „Buch als Magazin“ ist immens. Wir bestimmen in der Produktion alles selbst. Und wirklich, wir haben alle Gelegenheit, unsere Arbeit täglich zu verbessern. (Von Perfektion will ich da mal nicht reden.) Und das mit dem Sinn – das ist jetzt interessant.

8. Etwa nach der zweiten Ausgabe erreichten uns Mails voll Lob und Herzlichkeit. Viele Leser freuen sich über die Art und Weise, wie das Heft gemacht ist, wie wir Geschichten angehen. Hier ein paar Beispiele: Einmal beschreibt eine Autorin die letzten Wochen am Bett des sterbenden Vaters. Dann ist da die Geschichte von dem Paar, das ein schwerstbehindertes Kind erwartet, geringste Lebenschancen. Die Beschreibung der Gedanken der beiden – sollen sie abtreiben, was ist Leben wert, wo liegt hier der Sinn? – gehört zum besten, was wir in den bislang sechs Ausgaben unseres Magazins hatten. Dann die Geschichte der Frau, die aus dem Nichts blind wird und fortan von ihrem Ehemann durchs Leben geleitet wird. Zitat aus dem Text:

„Der schlimmste Moment ist der, wenn sie alleine an einem fremden Ort steht; wenn ihre Begleitung, vielleicht durch eine Ablenkung, die Hand von ihr nimmt. Sofort geht die Ahnung für die Proportionen der Welt verloren. Ein Gefühl von Verlorensein setzt ein. Die Welt wird zum Loch, das Gefühl für Oben und Unten geht verloren. Deshalb legt Herr Angerbauer in der Fremde, wenn er für einen Moment verschwinden muss, die Hand seiner Frau an eine Stange, an ein Geländer, an eine Wand. Dieser Griff, dieses Hinlegen einer Hand an die Welt, dieses Verorten eines Menschen, das ist, vielleicht, wenn man genauer überlegt, das Wesentliche. Für Blinde wie für Sehende.“ 

Dann die Geschichte, in der unser Autor einen Mann interviewt, der für die Aussicht auf eine Mars-Mission seine Familie hinter sich lassen würde (und so seine Beziehung aufs Spiel setzt). Hier drei Beispiele im Bild:

 

Michele

(aus „Das Gespenst von Canterville“)

 

Lübbert
(aus „Faust“)

Kerscher

(aus Heidi, alle Das Buch als Magazin)

9. Wir haben eine Weile über diese schöne Resonanz nachgedacht. Ohne uns zu Beginn darüber bewusst zu sein, nahmen wir nur ganz bestimmte Geschichten ins Heft: Jeder Text, jede Fotogeschichte sollte eine Lebensfrage beantworten, die wir selbst hatten. An der Stelle muss man sagen, dass unser Magazin sich für solche Texte besonders eignet, denn schon die literarischen Vorlagen setzen sich immer mit existenziellen Fragen auseinander. Irgendwann setzte ich mich hin und schaute mir die Texte nochmal genauer an, zu denen wir besonders viele Reaktionen bekommen hatten. Was hatten sie gemeinsam? Ich fand ein erstes Muster: Sie boten den Lesern allesamt eine Form von Orientierung.

10. Ein journalistisches Format, das wir besonders häufig im Heft haben, ist die Ich-Geschichte. Ich mag es, wenn Journalisten von sich selbst erzählen, wenn sie eigene Erlebnisse und Fragen zum Ausgangspunkt einer Recherche nehmen. So erhöht sich die Dringlichkeit einer Geschichte. Die Distanz zum Thema verliert sich. Ich kann mich mit dem Reporter vergleichen und sehen: Wie sieht er die Dinge? Wie stehe ich dazu? Spontan erinnere ich mich an Cordt Schnibbens Spiegel-Geschichte zur Nazi-Vergangenheit seines Vaters. Oder an Ann-Kathrin Eckardt in der SZ über die Flüchtlinge, denen sie sich seit mehr als zwei Jahren widmet. Oder Marco Maurer, der in der ZEIT am eigenen Beispiel der Frage nachgeht, ob Kinder von Arbeitern im deutschen Bildungssystem benachteiligt werden. All diese Geschichten bieten, je nach eigener Biografie, viele Anlehnungspunkte, viele Vergleichsmomente, viele Perspektiven auf Leben. Sie bieten Orientierung am gelebten Leben.

11. In Innsbruck arbeitet die Psychologin und Sinnforscherin Tatjana Schnell. Auf der Website sinnforschung.org beschreibt sie die Bedeutung von Sinn: „Viele Menschen sind auf der Suche nach einem Lebenssinn und stellen sich Fragen wie „Wofür lebe ich eigentlich?“ oder „Wie sinnvoll ist das, was ich tue?“. Es wurde vielfach empirisch bestätigt, dass das Erleben von Sinn für ein erfülltes Dasein essenziell ist und Menschen etwas benötigen, wofür es sich zu leben lohnt. Sehr häufig ist der Mangel an Sinnerleben ein Auslöser für psychische Krankheiten und ein Grund sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen.“

12. Es gibt nicht das eine sinnstiftende Element im menschlichen Leben. Tatjana Schnell spricht von mehreren Dimensionen von Sinnstiftung. Der Mensch erlebt etwa Sinn, wenn er wirksam ist. Das habe ich zum Beispiel von Julius Kerscher gelernt, einem Mathematiker und Bergsteiger, den ich für „Das Buch als Magazin“ interviewt habe. Er sagte mir:

„Ein Begriff, den ich mag ist „Selbstwirksamkeit“. Man ärgert sich zwar, wenn man sich den Ellbogen anhaut, zugleich hat man Selbstwirksamkeit erfahren. Wenn ich selbst eine Erkenntnis finde, wenn ich einem Kranken die Hand halte und es ihm besser geht, dann wirke ich. Ich erfahre Autorität, ich existiere, ich wirke. Ich selbst bin Ausbilder im Deutschen Alpenverein. Es macht mir Spaß, Leuten etwas beizubringen, zu sehen, dass etwas in ihnen vorgeht. Der Begriff Selbstwirksamkeit ist ein Schlüssel für mich. Er hilft mir zu verstehen, warum mir Dinge Spaß machen. Es sind fast immer Situationen, in denen ich Wirksamkeit erfahre.“

13. Es gibt einen Begriff, der vielen Sinnbeschreibungen und -dimensionen zu Grunde liegt: Zusammenhang. Der Mensch erkennt immer dort Sinn, wo er Zusammenhänge erkennt, wo er Übersicht gewinnt, wo er Orientierung findet, wo er seine Rolle in der Welt versteht. Jeder Sinnsuche, sagen Psychologen, liegt ein Bedürfnis nach Verortung zu Grunde: Wo bin ich hier? Warum bin ich hier? Was ist meine Rolle? Was kann ich mit dieser Rolle anstellen?

14. Das ist aus meiner Sicht die Stelle, an der Journalismus und Sinnsuche zusammenklicken wie ein Gurt beim anlegen. Journalisten und Reporter recherchieren, sortieren, fokussieren und vermitteln die Welt. Sie stellen Zusammenhänge her und schaffen Übersicht, die ein Einzelner im je eigenen Alltag nicht gewinnen kann. Journalisten sind deshalb Sinnstifter.

15. An der Stelle fällt mir wieder diese Anzeige in der Süddeutschen Zeitung ein. Die SZ hatte in ihrem Shop eine Weile ein Notizbuch im Angebot, das unter anderem mit einem Zitat von Innenpolitik-Chef Heribert Prantl beworben wurde:

„Schreiben ist die schönste Art, die Gedanken zu ordnen.“

Ich glaube, das stimmt. Schreiben zwingt den Kopf, aus mäandernen Bewusstseinsströmen und Gefühlen Worte und Sätze zu machen. Schreiben verklart die Gedanken.

16. Sinnsuche ist in großen Teilen Kopfsache, ein rationales Suchen nach Erklärungen zum Dasein, ein Sichten von Lebens- und Weltmodellen, von persönlichen Ansichten und gesellschaftlichen Übereinkünften. Wer Sinn findet, muss aber noch lange kein zufriedener Mensch sein. Es gibt da nämlich noch etwas: die Sehnsucht nach emotionaler Aufgehobenheit. Nach Erkanntwerden. Nach Wahrnehmung und Nähe.

17. „Ihre Geschichte hat mich tief berührt“ – „Sie sprechen mir aus der Seele“ – „Ihr Text hat mich getröstet.“ Solche Sätze gibt es manchmal, wenn eine Geschichte bei den Lesern etwas auslöst und bewegt, wenn sie Resonanz mit dem Leben der Leser erzeugt. Wenn sie seelsorgerisch wirkt.

 

wald
(Waldbild, zum Ausruhen)

18. Die Definition, die mir Wikipedia für „Seelsorge“ bietet, geht so: „Seelsorge bezeichnet die persönliche geistliche Begleitung und Unterstützung eines Menschen insbesondere in Lebenskrisen durch einen entsprechend ausgebildeten Seelsorger, meist einen Geistlichen der jeweiligen Konfession. Methodisch kann die Seelsorge – je nach Konzept – unterschiedlich gestaltet sein; meist handelt es sich um Gespräche unter vier Augen.“

19. Ich muss nochmal auf mein Buch mit den Lebenslehren zurückkommen. Haben Sie schon einmal Menschen nach den Lehren ihres Lebens gefragt? Wahrscheinlich nicht. Wer macht das schon. Wirkt ja auch pathetisch: Mama, was hast du aus deinem Leben gelernt, das du weitergeben könntest? Und ich muss gestehen: Ich habe meine Eltern erst eineinhalb Jahre nach Erscheinen meines Buches nach ihren Lebenslehren gefragt. Ich hatte Schiss oder etwas in der Art. Und doch bin ich heilfroh, dass ich es gewagt habe. Menschen werden viel zu selten nach ihrem Leben gefragt, nach ihrer Weisheit, nach den Wirkungen ihrer Erfahrungen. Mir ist das bei der Arbeit am Buch aufgefallen. Immer wieder sind wir an dem Punkt gelandet, an dem Interviewpartner sagten: „Das hat mich noch nie jemand gefragt.“ Und doch waren viele am Ende froh über das Gespräch. Wenn Schreiben die Gedanken sortiert – Fragen tun es auch. Wer nach seinem Leben gefragt wird, der ist gezwungen, es in Worte zu fassen und zumindest eine Version seiner Biografie zu formulieren. Wer gefragt wird und wem zugehört wird, der hat die Chance, sein Leben besser zu begreifen. Und wer lesen kann, wie andere nach ihrem Leben gefragt wurden, hat die Chance, sein eigenes Leben zu überdenken.

20. Die Gegenwart ist einigermaßen seltsam. Die Religionen haben ihre verbindende und orientierende Kraft verloren, die politischen Großideen bröseln vor sich hin und der Kapitalismus, so scheint es, hinterlässt in seiner bisher verfolgten Form auf allen Ebenen eine Welt aus Wracks. Je nach Perspektive kann man aus dieser Beobachtung ein Orientierungsvakuum ableiten. Was leitet uns heute, in dieser Gegenwart? Könnte es, in Teilen, der Journalismus sein? Kann der Journalismus dieses Vakuum füllen? Journalisten stellen Fragen, hören zu, im Vier-Augen-Gespräch, beschreiben Krisen jeder Form, geben in ihrer Arbeit Halt und Orientierung. Ich behaupte es einfach: Journalismus ist, zumindest in vielen Teilen, praktizierte Seelsorge.

21. Jede These braucht Belege, also habe ich mich am 30. Januar auf den Weg an den Bahnhofskiosk gemacht und eine Reihe von Magazinen und Zeitungen gekauft. Der Sonntag ist da insofern ein guter Tag, weil die SZ am Wochenende ausliegt, die Welt am Sonntag, die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Sonntag. Allesamt widmen sie sich am Wochenende, häufiger als während der Woche, den großen Lebensthemen. Ich habe einen Tag lang in den Publikationen gelesen und relativ zügig mehr als 30 Texte gefunden, die eine tiefergehende, in der einen oder anderen Form seelsorgerische Botschaft hatten.

FullSizeRender-15

22. Für die SZ protokollierte Laura Hertreiter die Moderatorin Nina Ruge. Die Moderatorin beschreibt das Leben mit ihren Eltern, die Mutter an Krebs erkrankt, der Vater vom Krieg traumatisiert. „Die meisten Leute glauben, Glück bedeute, keine Krisen zu erleben. Ich bin vom Gegenteil überzeugt. (…) Ich war ein scheues Kind, am Rockzipfel der Mutter. Bei uns zu Hause herrschte keine Unbeschwertheit. (…) So kauerte ein schuppiges Tier hinter dem Vorhang unserer Wohnung, Vorname: Angst, Nachname: Verdrängung – und machte mich zu einem extrem ängstlichen Kind. (…) Meine Reise nach innen begann, als ich zwölf war. Damals schrieb ich mir den Satz an die Wand: „Wo die Angst ist, geht es lang.“

23. Im Interview mit der Welt am Sonntag spricht die Schauspielerin Maria Furtwängler über Einsamkeit: „Ich glaube, dass viele krank sind aus Einsamkeit, in allen Altersgruppen. Und ich glaube, dass dieses Problem, sich allein und wie vergessen zu fühlen, viel verbreiteter ist, als wir uns das vorstellen. Gerade auch in Großstädten. Man muss nicht vereinsamt auf dem Land leben, um das zu spüren. Und das Schlimme ist eben, dass es so schambehaftet ist, besonders bei uns Frauen: jungen Frauen, die arbeiten und kaum Privatleben haben. Die allein erziehen. Oder die sogenannten Karrierefrauen ohne Kinder, die werden es noch weniger zugeben. Das Problem ist, dass wir psychische Erkrankungen immer noch so behandeln, als wäre man kurz vorm Irrenhaus.“

24. Der Tagesspiegel macht eine Sonderausgabe, in der die vielen ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in Berlin portraitiert werden. Eine der Portraitierten sagt den so banalen wie, finde ich, zentralen Satz: „Die Angst vor dem Fremden verschwindet, sobald man richtige Menschen kennenlernt.“

25. Viermal im Jahr produzieren wir bei der Süddeutschen Zeitung die Süddeutsche Zeitung Langstrecke. Das Prinzip des Heftes ist einfach: Die besten langen Texte aus einem Quartal Süddeutscher Zeitung landen in einem „Longread“-Magazin, wie es Erfinder Dirk von Gehlen immer so schön nennt. An Angebot mangelt es uns bei der Auswahl der Texte nicht, das Blatt hält herrlich viele Stücke bereit. Allein: Wie entscheidet man sich für die 25 besten, die auf den gut 140 Seiten Platz haben? Eine Sache, das habe ich im Lauf der Arbeit an den nunmehr sechs Ausgaben verstanden, zeichnet fast alle Supertexte aus: Sie bergen einen zentralen Absatz, den man sofort jemandem vorlesen möchte. Jeder tolle Text hat nach meiner Erfahrung einen Kern, an dem der Leser zu einer tieferen Einsicht, zu einer neuen Ansicht gelangt.

26. Für das SZ Magazin zum Beispiel traf  Tobias Haberl den hoch angesehenen Bariton Christian Gerhaher zum Gespräch, der noch vor seiner Karriere als Sänger ein ganzes Medizinstudium absolviert hat. Im Interview dann geht es in einer Passage um Zweifel, die nie verklingen. Woran zweifeln Sie denn, fragt Haberl. Und Gerhaher antwortet: „Nicht an meiner Identität, sondern an meinem Tun. Ich zweifle jeden Abend wieder, und nervös bin ich auch. Ich kenne Sänger, die sagen, sie seien nicht aufgeregt. Das klingt beneidenswert, aber manchmal sitze ich im Publikum und denke, bei mir ginge das so nicht. Es darf nicht mein Ziel als Künstler sein, einen Status quo zu erreichen, der meine Existenz bis zum Berufsende sichert. Ich bin abhängig von meinem Zweifel, er ist mein guter böser Begleiter.“

27. Lea Hampel trifft für den Wirtschaftsteil ein Paar, das sich nun tief im Tegernseer Tal auf einem Bauernhof selbst versorgt: „Dass er nicht die Welt rettet, indem er selbst Brot backt und Wollschweine hält, ist Bogner klar. „Natürlich kann nicht jeder so leben, wie wir es tun“, sagt er, „und manchmal stelle ich mir auch die Frage, ob wir mit unseren zehn Hektar was bewirken.“ – „Aber ein Zeichen setzen wir mit dem, was wir tun, auf jeden Fall“, findet seine Frau. Beiden ist es wichtig, das ihnen Mögliche zu tun. „Es geht immer um den Anfang. Wenn es bloß der Tomatentopf auf dem Balkon ist, kann aus dem ja trotzdem was ganz Großes werden, weil er der Anfang für einen Bewusstseinswandel ist.“

28. Cornelius Pollmer begleitete den, wie soll man sagen, zerrissenen Benjamin von Stuckrad-Barre durch die rummelige Veröffentlichungszeit seines Buches „Panikherz“. Hier beschreibt er die Ankunft des Schriftstellers im Hotelzimmer in Berlin: „Freitagabend, wieder ein Hotelzimmer, diesmal in der Runterzieherstadt Berlin, die ihm Angst macht. Ein weiterer eben nicht ausgedachter Wimmeltag erlischt, und man ist jetzt fast ein bisschen dankbar, dass Mensch und Geschehen zu vorläufiger Ruhe finden. Matthias-Claudius-Modus. Neben der Tür hängt ein schwarzer Sommermantel, den er aus dem Fundus seines Schutzheiligen Udo erworben hat, er kommt genauso mit auf Tour wie das Bild seines Schutzheiligen Helmut Dietl, das jetzt natürlich auch hier, in Berlin, Bekanntschaft mit der Wand machen soll. Benjamin von Stuckrad-Barre nimmt zu diesem Zweck den „Flucht- und Rettungsplan“ ab, der in unbeabsichtigter Genauigkeit deutlich einen maßgeblichen Unterschied herausarbeitet: Flucht und Rettung, das sind immer noch zwei unterschiedliche Dinge, das zweite folgt nicht zwingend auf das erste. Endgültige Rettung ist im Grunde nicht möglich, so viel hat man inzwischen begriffen, denn man muss wirklich aufpassen, immer und immer wieder und also ständig.“

29. Die Auszüge sind nur kleine Beispiele dafür, was journalistische Seelsorge bedeuten kann. Ich weiß schon, es sind keine epochalen Stellen. Das ist aber okay, weil: Ich habe bewusst Punkte ausgesucht, die in mir selbst und im Rahmen meiner Alltagslektüre Resonanz erzeugt haben. Es sind Texte mit Momenten, die mir persönlich etwas bedeuten, die in mir so etwas wie einen seelsorgerischen Moment generieren.

30. Was ich hier beschreibe, ist bereits gelebte Praxis. Magazine wie Flow, Neon oder neuerdings auch Spiegel Wissen widmen sich besonders gut sichtbar der Orientierung ihrer Leser. Eine neue, aber gut sichtbare Entwicklung. Der Deutsche Meister in Sachen journalistischer Seelsorge ist aus meiner Sicht die Wochenzeitung DIE ZEIT. Kaum ein Blatt widmet sich so intensiv und ausdauernd der Orientierung seiner Leser. Ich weiß nicht, ob Chefredakteur Giovanni di Lorenzo das Werk seiner Redaktion als Seelsorge begreift. Doch wenn ein Blatt bewusst die Rubrik Glauben&Zweifeln einführt, später das  Ressort Z, in dem eine Alltagsphilosophie nach der anderen verfasst und Lebensentwürfe diskutiert werden, wenn Woche für Woche Titel wie jene in der Collage gleich hier unten zu lesen sind, dann ist das Journalismus in seiner orientierendsten und seelsorgerischsten Form.

zeit

31. Zum Schluss noch die Sache mit der Bedürfnispyramide. Es kann sein, dass der Vergleich hinkt, anstellen will ich ihn trotzdem. Es ist nämlich so: Für „Das Buch als Magazin“ habe ich die Arbeitswissenschaftlerin Sabine Donauer interviewt. Sie hat dazu geforscht, wie Arbeiter in der Wirtschaft in den vergangenen hundert Jahren motiviert wurden. Erst war es Geld, dann Freizeit, dann das Versprechen auf ein tolles Arbeitsumfeld. Irgendwann in den Siebzigern entdeckten Personalmanager die Bedürfnispyramide von Maslow für sich. Die Darstellung ist nicht ganz unumstritten, allerdings auch nicht von der Hand zu weisen. Im Wesentlichen sagt das Bild: Wenn all unsere Bedürfnisse bedient sind, widmen wir uns der Selbstverwirklichung.

Pyra1

(Alle Pyramiden selbstgemalt)

Da kam den Personalmanagern eine Idee: Was, wenn wir den Menschen versprechen, dass sie sich in der Arbeit selbstverwirklichen können? Dass sie dort ihre Potentiale entfalten können? Es hat ganz gut funktioniert. Mit dem Versprechen nach Selbstverwirklichung gehen Arbeitgeber noch heute auf Suche nach leistungswilligen Mitarbeitern.

32. Aus schierer Experimentierfreude habe ich eine alternative Bedürfnispyramide gezeichnet. Könnte es sein, dass, wenn die Grundbedürfnisse an journalistischer Information und Unterhaltung gedeckt sind, dass wir uns dann jenen journalistischen Texten zuwenden, die uns helfen, uns selbst zu entfalten? Uns zu verwirklichen, in welcher Form auch immer? Vorstellen kann ich es mir.

Pyra2

33. Halten wir fest: Journalisten sind Sinnsucher, sie sind Seelsorger. Viel besser, viel bedeutender, viel sinnstiftender kann ein Job nicht sein, finde ich.

P.S. Man soll nicht soviel über Medien schreiben, sondern sie einfach machen. Deshalb haben meine Kollegin Joanna Mühlbauer und ich die Seite Fixing Life ins Leben gerufen, auf der wir Woche für Woche Menschen fragen, wie sie ihr Leben hinkriegen. Besuchen und abonnieren Sie uns. Es wäre uns eine Freude. 

P.P.S. Vorlage für diesen Text ist ein Vortrag, den ich beim diesjährigen Reporter Forum gehalten habe.